Evolution - Evolutionäre Anthropologie - Geschichte und Gesellschaft
Donnerstag, 30. November 2017
Neolithische Frauen in Deutschland - Armstark wie Ruderinnen
Neolithische Männer - Beinstark wie Querfeldeinläufer
Das ist ein spannender Bericht in "Bild der Wissenschaft" darüber, daß neolithische Frauen in Mitteleuropa stärkere Armmuskeln hatten als heutige Profi-Ruderinnen (1). Schaut man in die zugängliche Originalstudie hinein (2), wird deutlich, daß BdW gar nicht alles berichtet, was in der Studie als bekannt referiert wird. In der Originalstudie werden Männer und Frauen verglichen und dabei auch Armknochen mit Beinknochen. Und damit wird nämlich - sozusagen - der Geschlechtsdimorphismus in der körperlichen Konstitution und im Verhalten von Männern und Frauen im Neolithikum und in der Bronzezeit deutlich.
Die Beine der neolithischen Männer in Deutschland (ab 5.500 v. Ztr.) hatten nämlich Muskeln wie die heutiger Querfeldeinläufer ("Cross country running"). Das heißt, sie waren durchgängig ganz schön viel unterwegs und verdammt gut trainiert. Von der dicht besiedelten bandkeramischen Kultur und ihren Nachfolgekulturen ist dementsprechend ja auch Fernhandel gut dokumentiert (etwa anhand von Feuerstein-Funden und ähnlichem). Man mag sich an den Ötzi in den Osttiroler Alpen aus der Zeit um 3.300 v. Ztr. erinnern, der ebenfalls ein fleißiger Fußgänger war, und der auch gut den genetisch-anthropologischen Menschentypen charakterisiert, der damals in Europa lebte. Erst ab 3.500 v. Ztr. kam der Rinderwagen in Verbreitung und mit ihm ging über die Bronzezeit hinweg allmählich auch das Beintraining der Männer zurück. Ab der Eisenzeit bewegte es sich auf einem Niveau, das die Männer auch im Mittelalter hatten (und wohl immer noch höher war als das heutige).
Allerdings: All das bezieht sich natürlich zunächst auf die Durchschnittsbevölkerung. - Ich erinnere mich, daß der in der Stiftskirche von Engern in Westfalen begrabene Widukind, der Gegner Karls des Großen und seine beiden Begleiter, um 800 n. Ztr. Bein- und Armmuskeln von Hochleistungssportlern hatten, insbesondere solche, die man zum Reiten und damaligen Kriegsführen braucht.
Soweit also das, was bisher schon bekannt war. Nun sind in dieser Studie die Frauen untersucht worden. Die Beine der neolithischen Frauen hatten eine ähnlich große Vielfalt an Muskeln wie es auch heutige Frauen und Männer haben. Das heißt, es gab hochtrainierte unter ihnen, die viel unterwegs waren (ja, ja, jetzt kommt natürlich wieder einigen Lesern der Buchtitel "Wanderhure" in den Sinn). Aber die meisten von ihnen waren wenig unterwegs, einige scheinen sich sogar im Vergleich zu heute unterdurchschnittlich wenig vom Fleck gerührt zu haben.
Bekannt war auch schon, daß die Frauen im Neolithikum auffallend stark ihre rechten Arme brauchten, die stärkere Muskeln hatten als ihre linken Arme. Dieser Unterschied glich sich erst in der Bronzezeit aus. Mir scheint es dafür noch keine gute Erklärung zu geben. Es wird ausgeführt, daß im Neolithikum Handmühlen für einen Arm benutzt wurden, während in der Bronzezeit Handmühlen für zwei Arme in Gebrauch kamen. Aber sollte man bei einer so anstrengenden, dauerhaften Tätigkeit die Arme nicht wechseln?
Bei Tennisspielern reagieren männliche Knochen auf Dauerbelastung stärker als weibliche Knochen. Dasselbe findet man auch bei Ratten. So daß die Forscher vermuten, daß weibliche Arbeitsbelastung in den Knochen nicht so gut sichtbar wird wie bei Männern. Das alles nun in Rechnung gestellt, kommen die Forscher bei ihren neuen Untersuchungen zu den Ergebnissen, die von BdW referiert werden, nämlich daß neolithische Frauen ihre Arme durchgängig noch stärker beanspruchten als heutige Profi-Ruderinnen.
Interessant ist noch die Angabe, daß Kinder bei den Bandkeramikern schon zwischen dem 2. und 7. Lebenjahr sehr viel Zeit entfernt vom Hof verbrachten, vermutlich als Hirten des Weideviehs. ("Juveniles appear to have been more often participating in livestock herding than cultivation, a specialization that may have contributed to some young LBK boys (~2 to 7 years of age) at Stuttgart-Mühlhausen spending large amounts of time away from the site in their late childhood and early youth.") In der Studie werden noch einige Einschränkungen gemacht zum Vergleich neolithischer Frauenarmmuskeln zu denen heutiger Ruderinnen, da 73 % der Studienteilnehmerinnen die Antibaby-Pille während der Studie genommen hatten, was auch Einflüsse haben könnte auf die Knochenstärke.
Aber insgesamt wird die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern sehr deutlich: Die Männer gingen auf die Jagd, hüteten das Vieh, betrieben Handel und auswärtige Angelegenheiten, waren bei der Bewirtschaftung der Felder zugange, die Frauen steckten ihre Arbeitskraft unter anderem in das Mahlen des Getreides. Im Winter werden beide Geschlechter zugleich gedroschen haben, das war in traditionellen bäuerlichen Bevölkerungen so üblich, dabei wurden die Armmuskeln gebraucht.
1. http://www.wissenschaft.de/kultur-gesellschaft/anthropologie/-/journal_content/56/12054/21284036
2. http://advances.sciencemag.org/content/3/11/eaao3893.full
3. https://de.wikipedia.org/wiki/Mahlstein
https://de.wikipedia.org/wiki/Mahlstein
Freitag, 24. November 2017
Die Schnurkeramiker wanderten erst westwärts, dann ostwärts - - - und wohnten in den Oasenstädten der Seidenstraße
Die berühmten blonden, hochgewachsenen, europäisch aussehenden und mit europäischer Kleidung bekleideten tocharischen Wüstenmumien aus den Oasenstädten der Seidenstraße aus der Zeit zwischen 2000 v. Ztr. bis 800 n. Ztr., gehörten zum indogermanischen Volk der Tocharer, das als östlichstes bekanntes indogermanisches Volk eine westindogermanische Sprache sprach (2, 3). Und sie werfen schon seit der Entdeckung dieser Sprache durch die Erforscher Innerasiens die Frage auf: Wie kamen die - um die Zeit um 2.000 v. Ztr. - aus Mitteleuropa in so entlegenene Regionen wie Innerasien? Wie kamen sie bis an den Westrand Chinas? (Ich habe über diese Kultur schon vor Jahren allerhand Blogartikel veröffentlicht.)
Und eine Klärung dieser Frage ist nun ebenfalls erfolgt mit dem Durchbruch in der Ancient-DNA-Forschung im Jahr 2015. Das hatte ich bisher ganz übersehen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die offenbar weltgeschichtlich so bedeutende Sintaschta-Kultur - und die aus ihr hervorgegangene Andronovo-Kultur Sibiriens. Die Sintaschta-Kultur entstand um 2.100 v. Ztr. in der Ukraine. Sie war die erste Kultur, die nachgewiesenermaßen Streitwagen baute und domestizierte Pferde als Zugpferde benutzte. Aber - und das ist nun die entscheidende Neuerkenntnis: nach den neuen ancient-DNA-Daten ist sie nicht aus der örtlichen Yamnaja-Kultur hervorgegangen, sondern aus erneuter Ostwanderung der Schnurkeramiker! Damit hat man dann auch sehr konkrete Anhaltspunkte, wie man sich die Wanderung der Tocharer von Mitteleuropa nach Innerasien vorstellen kann. Denn der Zeitstellung nach paßt alles zusammen.
Diese Erkenntnis ist auch schon an mehreren Orten in das englische Wikipedia eingepflegt worden. Und damit ist auch die früheste sibirische indogermanische Kultur, die Afanasijewo-Kultur, die wie die Schnurkeramiker direkt von den Yamnaja abstammte, genetisch eine andere Kultur gewesen, als die ihr nachfolgende Kultur, die Andronovo-Kultur, die entlang der Nordhänge des Tianshan siedelte, das Gebirge, das Innerasien im Süden von Sibirien im Norden trennte.
Die Schnurkeramiker wandern westwärts (2.800 v. Ztr.)
Aber es sei zunächst noch einmal rekapituliert: Die Schnurkeramiker breiteten sich ab 2.800 v. Ztr. vermutlich ausgehend von Südpolen in Mitteleuropa bis nach Skandinavien aus (4, 5). Genetisch waren sie zwar eng mit den Yamnaja von der Wolga verwandt, also mit dem Urvolk der Indogermanen. Aber sie vermischten sich in Mittel- und Nordeuropa zu geringeren Anteilen mit den Einheimischen. Ab 2.300 v. Ztr. ging die Schnurkeramik-Kultur in Mitteldeutschland über in die berühmte Aunjetitzer Kultur (6), die prächtige Fürstengräber kennt und aus der insbesondere die "Himmelsscheibe von Nebra" hervor gegangen ist.
Die Schnurkeramiker wandern ostwärts (2.300 v. Ztr.)
Aber in der gleichen Zeit nun, in der die Aunjetitzer Kultur in Sachsen entstand, wanderten offenbar auch wieder Schnurkeramiker Richtung Osten, nun ihren genetischen Anteil der vorherigen Mitteleuropäer mitnehmend. Und sie begründeten in der Ukraine die Sintaschta-Kultur. Dazu sei nun die diesbezügliche genetische Studie aus dem Jahr 2015 zitiert:
"From the beginning of 2000 BC, a new class of master artisans known as the Sintashta culture emerged in the Urals, building chariots, breeding and training horses (Fig. 1), and producing sophisticated new weapons."
Und:
"The Early Bronze Age Afanasievo culture in the Altai-Sayan region is genetically indistinguishable from Yamnaya, confirming an eastward expansion across the steppe (Figs 1 and 3b; Extended Data Fig. 2b and Extended Data Table 1), in addition to the westward expansion into Europe. Thus, the Yamnaya migrations resulted in gene flow across vast distances, essentially connecting Altai in Siberia with Scandinaviain the Early Bronze Age (Fig. 1)."
Aber nun:
" The close affinity we observe between peoples of Corded Ware and Sintashta cultures (Extended Data Fig. 2a) suggests similar genetic sources of the two, which contrasts with previous hypotheses placing the origin of Sintastha in Asia or the Middle East. Although we cannot formally test whether the Sintashta derives directly from an eastward migration of Corded Ware peoples or if they share common ancestry with an earlier steppe population, the presence of European Neolithic farmer ancestry in both the Corded Ware and the Sintashta, combined with the absence of Neolithic farmer ancestry in the earlier Yamnaya, would suggest the former being more probable (Fig. 2b andExtended Data Table 1)."
Das ist eine spannende Erkenntnis. Und:
"The Andronovo culture, which arose in Central Asia during the later Bronze Age (Fig. 1), is genetically closely related to the Sintashta peoples (Extended Data Fig. 2c), and clearly distinct from both Yamnaya and Afanasievo (Fig. 3b andExtended Data Table 1). Therefore, Andronovo represents a temporal and geographical extension of the Sintashta gene pool."
Somit wird es enge genetische Zusammenhänge geben zwischen der Andronovo-Kultur nördlich des Tianshan und dem Volk der Tocharer südlich des Tianshan in den Oasenstädten der Seidenstraße. Die Andronovo-Kultur breitete sich schnell aus bis an den Westrand Chinas (8).
1. Population genomics of Bronze Age Eurasia. Available from: https://www.researchgate.net/publication/278327861_Population_genomics_of_Bronze_Age_Eurasia [accessed Nov 24 2017].
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Tocharer
3. https://de.wikipedia.org/wiki/Tarim-Mumien
4. https://de.wikipedia.org/wiki/Schnurkeramische_Kultur
5. https://en.wikipedia.org/wiki/Corded_Ware_culture
6. https://de.wikipedia.org/wiki/Aunjetitzer_Kultur
7. https://de.wikipedia.org/wiki/Andronowo-Kultur
8. https://www.researchgate.net/publication/317347025_Adunqiaolu_New_evidence_for_the_Andronovo_in_Xinjiang_China
9. Grafik (aus 1): https://www.researchgate.net/profile/Kristian_Kristiansen2/publication/278327861/figure/fig1/AS:272755190923282@1442041313932/Figure-1-Distribution-maps-of-ancient-samples-Localities-cultural-associations-and.png
Donnerstag, 23. November 2017
"Migrationsstrategien, die traumatische Begegnungen verhinderten"
Im Jahre 2.700 v. Ztr. in Sachsen
So sieht der sächsische Archäologe Harald Meller, der wohl derjenige war, der gegenüber David Reich und anderen 2014 sich wegen "Kossinna" die Haare raufte, inzwischen die neuen Erkenntnisse, die die Ancient-DNA-Forschung mit sich gebracht hat, auf Sachsen bezogen. Man achte dabei auf die häufige Verwendung des Wortes "massiv" (1):
"Die Einwanderung der ersten Bauern der Linienbandkeramikkultur im Frühneolithikum führte zwar zu einer massiven Verdrängung mesolithischer Bevölkerungsgruppen, nicht aber zu deren Verschwinden, da diese sich in marginalisierten, für Ackerbauern uninteressanten, Gebieten niederließen. Es konnte wiederum festgestellt werden, dass jene ehemals nach Mitteldeutschland eingewanderten Ackerbauern um 35oo v. Chr. von den aus dem Norden kommenden Trichterbecherkulturen - bei denen es sich um die Nachfahren der Mesolithiker handelt" (stimmt übrigens nicht, die waren mehrheitlich Nachfahren der Bandkeramiker, bzw. der Michelsbergkultur) "- massiv überschichtet und verdrängt wurden. Die so entstandene Bevölkerung unterlag wiederum dem massiven genetischen Impact aus dem Osten durch die Schnurkeramiker. Ebenfalls ausgeprägt war der anschließende Einfluss der Glockenbecherkultur, aus dem - zusammen mit den kulturellen Leistungen der Schnurkeramikkultur - die frühbronzezeitliche Aunjetitzer Kultur entstand, bei der es sich um eine Vermischung aller Elemente handelt, die mehr oder weniger bis zu den heutigen Europäern konstant blieben."
So das rein wissenschaftliche Referat. Aber wirklich witzig sind im gleichen Beitrag immer wieder die gar zu übertriebenen Bezüge, Hinweise mit dem Zaunpfahl zu gegenwärtigen politischen Debatten. Ich halte sie für eines Wissenschaftlers ganz und gar unwürdig, schließlich will er da naturalistische oder kulturalistische Fehlschlüsse aller Art in beiderlei Richtungen ziehen. Meller sagt:
"In beiden Fällen - Migration und Ankunft von Migranten - handelt es sich um historische Ereignisse, die sich auf den regelmäßigen Ablauf des täglichen Lebens - vor allem in sesshaften Gesellschaften - auswirken, ...."
... man wird das so vermuten dürfen, ja .... Und weiter:
"...aber gleichzeitig zur erfolgreichen Entwicklung der Gemeinschaft beitragen, bzw. für diese notwendig sind."
Für diese notwendig sind! Dieser Satz ist dermaßen aberwitzig komisch, daß er zu jeder nur denkbaren Karikatur dienen kann. Man denke sich einen solchen Satz im Munde eines Indianerhäuptlings im 19. Jahrhundert in Nordamerika. Nein, unmöglich. Er KANN nur niedergeschrieben sein in einem Land wie Deutschland im Jahr 2016 nach Jesus Christus hab Erbarmen.
"... die zur erfolgreichen Entwicklung der Gemeinschaft beitragen, bzw. für diese notwendig sind." Muß noch nachgewiesen werden, wie hoffnungslos einfältig dieser Satz ist? Meistens wurden die vorher ansässigen Bevölkerungen, wie Meller zuvor selbst ausführte, "massiv" überlagert, verdrängt, in "Reservate" abgedrängt. Die Beziehungen zwischen Einwanderern und Ansässigen werden und können sehr komplex gewesen sein, ja, das können sie. Aber ein so einseitiges Bild?
Stand Harald Meller mit am Bahnhof, als die Schnurkeramiker ankamen und schwenkte fröhlich die Fahnen? Man möchte es fast glauben. Die Einheimischen damals werden sich so super dabei gefühlt haben, marginalisiert zu werden. So super. Und fünfzig Jahre später schrieb ein Nachfahren der Einwanderer voller Verständnis für das Schicksal der marginalisierten Einheimischen seinen großen Erzählungsband: "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses". Und alle Nachfahren der Einwanderer verdrückten eine Träne. Oder so.
Meller: "Es ist daher zu erwarten, dass die vor- und frühgeschichtlichen Gesellschaften über Strategien verfügten, die sowohl die Mobilität als auch die Aufnahme von Personen und Gruppen regelten und traumatische Begegnungen verhinderten."
Man traut und glaubt seinen Augen nicht, während man das liest. Man glaubt es einfach nicht. Ach, Du liebe Güte. wie stellt sich Harald Meller denn Menschengeschichte vor? Soll man einfach mal sagen: Dieser gute Herr Meller kann keine Mitglieder in seiner Familie haben und auch noch nie in der Nachbarschaft und im Bekanntenkreis von Familien gehört haben, die Erfahrungen haben mit der Verdrängung von Ethnien? Mit der Vertreibung des Jahres 1945 aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße, mit all diesen "schönen" Migrationen in andere Länder, für deren nichttraumatischen Umgang wir ja so viel Erfahrung gesammelt haben in den Jahrtausenden der Geschichte. Scheinbar wirkt das Kossinna-Trauma der deutschen Archäologie wirklich stark nach ...
1. Migration and Integration from Prehistory to the Middle Ages. Available from: https://www.researchgate.net/publication/320866192_Migration_and_Integration_from_Prehistory_to_the_Middle_Ages [accessed Nov 23 2017]
https://www.researchgate.net/publication/320866192_Migration_and_Integration_from_Prehistory_to_the_Middle_Ages
"Kossinna's smile" - Die Archäologie kann an den Völkern, die sie erforscht, nicht mehr vorbei sehen
"Kossinna's smile" - Die Archäologie kann an den Völkern, die sie erforscht, nicht mehr vorbei sehen
Seit 1945 tobt in der deutschen Archäologie ein Streit rund um den Archäologen Gustaf Kossinna (1858-1931). Er hatte die Verwegenheit besessen, archäologische Kulturen mit Völkern gleichzusetzen. Und in einem bigotten kulturalistischen und/oder naturalistischen Fehlschluß war man seither der Meinung, daß dieser archäologische Ansatz falsch sei, DA er ja - angeblich -
"direkt" nach Ausschwitz geführt hätte.
Nun, irgendwann schlägt die Stunde jedes solcher Fehlschlüsse vom Sollen auf das Sein, solcher zeitgeist-gebundener Interpretationen wissenschaftlicher, hier archäologischer Sachverhalte. Im März 2015 wurde der Durchbruch in der Indogermanen-Forschung infolge der Ancient-DNA-Revolution verkündet.
Und nun ist im April-Heft 2017 der international angesehenen Archäologie-Zeitschrift "Antiquity" ein Aufsatz erschienen mit dem ebenso schlichten wie entwaffnenden Titel "Kossinna's smile" (1). Nein, es handelte sich um keinen April-Scherz. In dem Aufsatz heißt es,
"zu einfach wäre es, sich hinter einem Anti-Kossinna-Schutzwall zu verschanzen"
"it would be too simple to hide behind an Anti-Kossinnian firewall"
nämlich im Angesicht der umstürzenden neuen Ergebnisse der AnicentDNA-Forschung, über die ich schon mehrfach gebloggt habe. Tenor des kurzen Aufsatzes ist dann am Schluß (1): Die Komplexität der Zusammenhänge würde von den beiden Durchbruch-Ancient-DNA-Studien des Jahres 2015 nicht in vollem Umfang erfaßt. ... Rückzugsgefechte also, nachdem der "antifaschistische Schutzwall" schon völlig in die Brüche gegangen ist im Zuge des Ancient-DNA-Dauerbeschusses. Ein Schutzwall, über den der alte Kossinna nur noch lacht droben von seiner himmlischen Aussicht. So heißt es ja schon im Titel.
Es gibt Aufsätze, die geradezu schlagwortartig den Zusammenbruch politisch-korrekter Weltbilder deutlich werden lassen, von Weltbildern, die nur deshalb eine so starke Vorherrschaft besaßen, weil sie eben so durch und durch "korrekt" erschienen. Im Jahr 2004 war das ein kurzer Genetik-Aufsatz mit dem Titel "Lewontin's Fallacy". Im Jahr 2017 ist es nun ein kurzer archäologischer Aufsatz mit dem schlichten Titel "Kossina's smile".
Gewalt
In derselben Antiquity-Folge ist noch ein begleitender zweiter Artikel erschienen (2), der unter den Online-Aufsätzen der Zeitschrift zu den drittmeist-gelesenen überhaupt zählt. In diesem werden noch manche Details dieser schnurkeramischen Zuwanderung nach Mitteldeuschland erörtert. Und da werden Geschichten geschildert*) wie in einem Roman: Schnurkeramiker aus Sachsen entführen Bauerntöchter aus dem Harz und die Bauern führen einen Rachefeldzug, in dem mehrere Schnurkeramik-Familien mit Pfeilschüssen von hinten, also aus dem Hinterhalt heraus (oder auf der Flucht), getötet werden. Aber die Angehörigen dieser Schnurkeramiker waren in der Lage, die Familien ordentlich, ja, liebevoll bestatten.
Während man das liest, kommt einem der Gedanke, ob es nicht vielleicht gut ist, sich bei den Eroberungskriegen der Schnurkeramiker an die Kriegszüge von Alexander dem Großen zu erinnern und die damit verbundene Hellenisierung fast der gesamten antiken Welt. Vielleicht erfolgte die Ausbreitung der Schnurkeramiker/Indogermanen mit ähnlicher Emphase. Auch bei den Makedonen rund um Alexander spielten ja liebevolle Beziehungen untereinander eine große Rolle.
Abschließend heißt es in dieser Studie über das neue Bild der Geschichte des europäischen Neolithikums (2):
"Es mag einige geben, die sich nicht darüber freuen können, weil es so viel Ähnlichkeit aufweist mit dem älteren Paradigma von Ausbreitungsbewegungen als dem wesentlichsten Prinzip kulturellen Wandels so wie es durch Gustaf Kossinna und Gordon Childe repräsentiert worden war. Aber wir sind jetzt in der Lage, die Komplexitäten hinter den historischen Prozessen in viel größerer Detailgenauigkeit aufzuklären und so die gar zu simplen Modelle der Vergangenheit zu vermeiden."
"Some may not like it for its resemblance to an older paradigm of migrations as a primary cause of cultural change, as represented by Gustav Kossinna and Gordon Childe (Kristiansen 1998: 7–24), but we are now in a position to unravel the complexities behind the historical processes in much detail, and thus avoid the simplistic models of the past."
*) Hier der Roman (s.a. 3): "At the Corded Ware cemetery of Eulau, the application of strontium isotopic tracing, ancient DNA and archaeology has allowed a full reconstruction of a singular family massacre and its local background (Haak et al. 2008; Meyer et al. 2009; Muhl et al. 2010). Four multiple burials contained single families of father, mother and children in various combinations, and it could be demonstrated that the mothers were of non-local origin, most probably originating in the Harz Mountains 50–60km north of the settlement. The arrows that had killed the families confirmed this, as they belonged to another Neolithic culture: the Schönfeld, which was located in this area and practised cremation, a burial custom different to that of the Corded Ware Culture (compare Muhl et al. 2010: 44, 125). Contacts between the two are also illustrated by the occurrence of Schönfeld pottery in Corded Ware graves in the Halle-Saale region (Furholt 2003). Other Neolithic groups in the region, such as the Bernburg Culture, practised collective burials of multiple family groups, as demonstrated by genetics, again being distinctively different from the Corded Ware practice of individual burials (Meyer et al. 2012). We observe two things: that Corded Ware males practised exogamy, perhaps marriage by abduction, which provides a possible explanation for the killing."
__________________
- Heyd, Volker: Kossinna's smile. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, p. 348-359. https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/kossinnas-smile/8ABA3BD9132B7605E8871236065CD4E3, https://research-information.bristol.ac.uk/files/113850524/Kossinna_s_Smile_as_finally_submitted.pdf
- Kristiansen, Kristian u.a.: Re-theorising mobility and the formation of culture and language among the Corded Ware Culture in Europe. In: Antiquity, Vol. 91, No. 356, 04.2017, https://www.cambridge.org/core/journals/antiquity/article/retheorising-mobility-and-the-formation-of-culture-and-language-among-the-corded-ware-culture-in-europe/E35E6057F48118AFAC191BDFBB1EB30E/core-reader
- https://de.wikipedia.org/wiki/Familiengr%C3%A4ber_von_Eulau
Durchbruch in der Indogermanen-Forschung durch Ancient-DNA - Pressemitteilung aus dem März 2015
In einer Pressemitteilung der Universität Tübingen zu der bahnbrechenden Ancient-DNA-Studie zu den Schnurkeramikern (Herkunft von den Yamnaya/Indogermanen) aus dem Jahr 2015 (1) kann man noch interessante zusätzliche Hinweise finden. Nämlich den Hinweis, daß Ancient-DNA-Untersuchungen - natürlich - auch dazu beitragen können, beigabelose Skelette zeitlich neu einzuordnen:
>>„Es war ein echtes Aha-Erlebnis, als wir die ersten Daten ansahen”, schwärmt Lazaridis. „Der dritte Anteil war in jedem Individuum zu sehen, das jünger als 4500 Jahre war, und in keiner der älteren Proben aus Mitteleuropa.” Haak geht sogar noch weiter: „Das Signal ist so stark, dass man fast von einer genetischen Datierung sprechen könnte, basierend auf dem Vorkommen von ein, zwei oder allen drei Komponenten.“ Tatsächlich fanden sich unter den Proben auch einige Ausreißer, die bisher archäologisch allein aufgrund ihrer Ausrichtung als älter eingestuft wurden, allerdings die dritte Komponente aufwiesen. Zur Klärung des Alters dieser beigabenlosen Bestattungen wurden 14C-Datierungen in Auftrag gegeben."<<
Und weiter heißt es:
>>„Die auffälligen Übereinstimmungen in den materiellen Hinterlassenschaften der Schnurkeramik- und der Yamnaya-Kultur waren bereits bekannt. Dies enge Verbindung konnte nun auch naturwissenschaftlich belegt werden“, ergänzt Harald Meller, Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale). „In Deutschland sind es die sogenannten Schnurkeramiker am Übergang zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit, bei welchen erstmals die dritte Komponente auftaucht und deren Erbgut damit einen zweiten Bevölkerungsumbruch markiert“, sagt Haak. „Basierend auf einem direkten Vergleich mit Individuen der Yamnaya-Kultur, Viehhirten aus den eurasischen Steppengebieten, schätzen wir den genetischen Steppenanteil in den Schnurkeramikern aus Sachsen Anhalt auf beträchtliche 75 Prozent”, sagt Lazaridis, und fügt hinzu, „dass sich die Schnurkeramiker und die Yamnaya-Population trotz geographischer Distanz von 2600 Kilometer genetisch erstaunlich ähnlich sehen.“<<
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1. PM/HR: Hinweise auf Herkunft des Indogermanischen aus der Steppe - Wissenschaftler der Universität Tübingen an Studie zum Einfluss frühbronzezeitlicher Wanderungsbewegungen auf die Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen beteiligt. https://www.mpg.de/8995790/menschen-wanderung-indogermanische-sprachen
https://www.mpg.de/8995790/menschen-wanderung-indogermanische-sprachen
Dienstag, 21. November 2017
Wir bald eine Minisonde auf unseren Nachbarplaneten außerhalb unseres Sonnensystems gesendet werden können?
Mittels Lasertechnik soll auf unseren nächsten Nachbarplaneten außerhalb unseres Sonnensystems, der den Stern Alpha Centauri umkreist, eine Minisonde in der Größe eines elektronischen Mikrochips (1) gesendet werden, die diesen Planeten in 20 bis 50 Jahren erreichen würde, weil sie auf ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden soll.
Das diesbezügliche Forschungprojekt "Breakthrough Starshot" (1) wurde 2016 von namhaften Leuten (St. Hawking, Zuckerberg ...) ins Leben gerufen. Es gibt allerhand technische Probleme zu lösen (Beschleunigung, Abbremsung, druckbeständiges Material ...) aber die Lösung all dieser Probleme scheint nicht als vollständig irrealistisch angesehen zu werden.
Informationen, die die Sonde zurücksenden wird, würden uns ja - mit Lichtgeschwindigkeit - schon innerhalb von vier Jahren erreichen. Außerdem könnten mit dieser Minisonde einzellige Lebensformen in Form von tiefgekühlten Sporen zu anderen Planeten geschickt werden.
Na, soweit ich die Wikipedia-Artikel dazu im Querlesen überblicke (1-4), gibt es aber derzeit noch keineswegs eine realistische technische Lösung, wie man eine solche Minisonde auf ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte. Interessant jedenfalls, was sich die Physiker gegenwärtig alles ausdenken, und daß das technisch alles nicht als ganz so irrealistisch angesehen wird und werden muß als das sonst so bezüglich von Science Fiction-Geschichten getan werden muß.
1. https://de.wikipedia.org/wiki/Breakthrough_Starshot
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Interstellare_Raumfahrt
3. https://en.wikipedia.org/wiki/Interstellar_travel
4. https://de.wikipedia.org/wiki/Claudius_Gros
http://www.wissenschaft.de/erde-weltall/raumfahrt/-/journal_content/56/12054/21073488/Lassen-sich-interstellare-Sonden-bremsen?/
Montag, 20. November 2017
Der anatomisch moderne Mensch entstand vor 300.000 Jahren in Afrika
Die Buschleute in Südafrika weisen eine genetische Kontinuität von mindestens 2000 Jahren auf. Das ist das Ergebnis der Sequenzierung von DNA von drei ihrer Vorfahren, die vor 2000 Jahren lebten (1).
Mit Hilfe der Ergebnisse dieser Sequenzierungen wird aber noch ein viel wichtigeres Ergebnis erzielt. Mit ihnen kann die "molekulare Uhr", die Geschwindigkeit neutraler Mutationen im menschlichen Genom neu geeicht werden. Und wenn man das tut, kommt man darauf, daß die Trennung von anatomisch modernen Menschen und archaischeren Menschenformen schon hundert tausend Jahre früher in Süd-, bzw. Ostafrika stattgefunden hat als bislang angenommen, also zwischen 350.000 und 260.000 Jahren. Was wohl die physische Anthropologie - und hier der wohl wichtigste Fachmann Günther Breuer - dazu sagt?
Man hat ja in diesem Jahr auch in Nordafrika Übergangsformen gefunden, die vergleichsweise alt sind und zeigen, daß wir allmählich ein differenzierteres Bild der Menschwerdung in Afrika vor 300.000 Jahren erhalten.
2000 Jahre genetische Kontinuität ist im übrigen noch nicht sehr viel. Im Vorderen Orient haben wir mit ancient DNA schon 10.000 Jahre genetische Kontinuität festgestellt. Auch für Südafrika wird sie künftig sicherlich als viel weiter zurückreichend nachgewiesen werden, gibt es doch Theorien, daß die Klicksprache der Buschleute die erste Sprache der Menschheit war. Aber das trockene Klima könnte die DNA weiter zurückreichend nicht erhalten haben.
1. Southern African ancient genomes estimate modern human divergence to 350,000 to 260,000 years ago. Carina M. Schlebusch, Helena Malmström, Torsten Günther, Per Sjödin, Alexandra Coutinho, Hanna Edlund, Arie ...., Science Mag, November 2017, http://science.sciencemag.org/content/358/6363/652
http://science.sciencemag.org/content/358/6363/652