Warum bevorzugten die Frauen Austronesiens nach 2000 v. Ztr. Papua-Männer? Oder wurden sie dazu gezwungen? - Neue Ancient-DNA-Ergebnisse
Die Volksstämme des Inselstaates Vanuatu ("Neue Hebriden") im melanesischen Teil des Südpazifik sprechen sogenannte "austronesische Sprachen", die sich ursprünglich mit den ersten Besiedlern dieser Inseln um 2.000 v. Ztr. hierher mit Hilfe ihrer Ausleger-Boote ausgebreitet haben - und zwar von Taiwan aus.
Aber die Frauen dieser austronesischen Stämme scheinen sich in den Jahrhunderten nach der Erstbesiedelung - nach DNA und neuesten ancientDNA-Untersuchungen (1-3) - geradezu regelmäßig mit Männern von Papuavölkern aus Neuguinea vermischt zu haben. Noch nicht geklärt scheint zu sein, ob diese Männer als Krieger, Händler oder Sklaven in die Inselwelt Vanuatu's gelangten. Jedenfalls hat sich im Laufe der Jahrhunderte bis heute auf diesen Inseln in einem allmählichen Vorgang zwar die austronesische Sprache erhalten, aber die Gene der Menschen stammen heute fast vollständig von Menschen aus Papua Guinea ab - und nicht mehr von Menschen aus Taiwan.
In einer Grafik ist der allmähliche Rückgang des austronesischen genetischen Anteils im Laufe der Jahrhunderte gut zu sehen (2). Das heißt, im Laufe der Jahrhunderte müssen Menschen mit vorwiegend Papua-Abstammung regelmäßig mehr Nachkommen gehabt haben in dieser Inselwelt als Menschen vorwiegend genetischer Abstammung von den ersten Besiedlern dieser Inseln. Sehr erstaunlich. - In einer gestrigen Pressemitteilung des MPI für Menschheitsgeschichte in Jena heißt es darüber:
"Die Untersuchung zeigt, dass der genetische Wandel"
gemeint: von austronesischer Abstammung hin zu Papua-Abstammung
"nicht die Folge einer einzigen großen Einwanderungswelle war. Stattdessen müssen die Menschen in den nordwestlichen und den südöstlichen Gebieten Melanesiens über einen langen Zeitraum hinweg kontinuierlich in Kontakt gestanden haben. Dieser Austausch begann nach den neuen Erkenntnissen viel früher als bisher vermutet. So konnten die Forscher Papua-Gene bei einem Individuum nachweisen, das vor 2500 Jahren auf Vanuatu lebte. Die ersten Migranten"
also Menschen mit genetischem Papua-Hintergrund
"von den Inseln des Bismarck-Archipels erreichten Vanuatu also bereits kurz nach den Menschen ostasiatischer" sprich austronesischer - "Abstammung. Die Ergebnisse der genetischen Studie unterstützen auch ein Modell aus der historischen Linguistik. Danach überdauerte die ursprüngliche, wahrscheinlich wenig differenzierte austronesische Sprache den genetischen Wandel, weil sie den Papua-Migrantengruppen, die nach und nach Vanuatu erreichten, als Verkehrssprache diente."
Sehr lose könnte man das vergleichen mit dem Vorgang, daß sich die romanischen, vom Latein abgeleiteten Sprachen in vielen Teilen Europas hielten, obwohl oftmals die ursprünglichen Römer, die diese Sprachen vor Ort gesprochen haben, daselbst ausgestorben sein können.
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1. Language continuity despite population replacement in Remote Oceania. Cosimo Posth, Kathrin Nägele, […]Adam Powell. In: Nature Ecology & Evolution (2018) doi:10.1038/s41559-018-0498-2, Published online: 27 February, 2018, https://www.nature.com/articles/s41559-018-0498-2, https://www.researchgate.net/publication/323427085_Language_continuity_despite_population_replacement_in_Remote_Oceania
2. Grafik: Allmählicher Rückgang des austronesischen genetischen Anteils im Laufe der Jahrhunderte: https://media.springernature.com/lw582/springer-static/image/art%3A10.1038%2Fs41559-018-0498-2/MediaObjects/41559_2018_498_Fig2_HTML.jpg
3. Sprachliche Kontinuität trotz genetischer Umwälzung - Untersuchung alter und heutiger DNA belegt langfristigen Austausch im Südpazifik. 27. 2. 2018, https://www.mpg.de/11961352/vanuatu-besiedelung-sprachen-genom, http://www.shh.mpg.de/851473/genetic-replacement-despite-language-continuity-in-the-South-Pacific, https://www.mpg.de/11961600/original-1519808551.jpg?t=eyJ3aWR0aCI6ODAwLCJoZWlnaHQiOjYwMCwib2JqX2lkIjoxMTk2MTYwMH0=--3c65acf262fbdbfbe1a14e6840ea300cf73b50e0
Evolution - Evolutionäre Anthropologie - Geschichte und Gesellschaft
Mittwoch, 28. Februar 2018
Ein Gehirngrößen-Gen (CASC5), das nur bei Ostasiaten positiver Selektion unterworfen war
Ein Gehirngrößen-Gen (CASC5), das nur bei Ostasiaten positiver Selektion unterworfen war
Die Steuerungssequenzen eines Gens, das Gehirngröße reguliert (CASC5), waren in den letzten Jahrtausenden nur bei Ostasiaten klarer positiver Selektion unterworfen, nirgendwo sonst bei Menschen oder Säugetieren.
Im November 2016 wurde eine neue chinesische humangenetische Studie veröffentlicht (1-3), nach der bei Delfinen, Mäusen und offenbar allen Primatenarten (Gibbons, Pavianen, Schimpansen, Gorillas, Orangutans), bei Neandertalern und beim Denisova-Menschen, bei heutigen Menschen in Afrika und in Europa in den Steuerungssequenzen des Gens CASC5 durchgängig eine alte Version vorhanden ist (siehe Abb.) (1, 2), während bei heutigen Menschen in Ostasien mehrheitlich eine neue Version vorhanden ist, also die Basen an den angegebenen SNP's jeweils ausgetauscht wurden.
Das sind klare Anzeichen von positiver Selektion bei Ostasiaten in den letzten Jahrzehntausenden oder in den letzten Jahrtausenden, die den durchschnittlich hohen Intelligenz-Quotienten der Ostasiaten hervorrufen könnten, und die darauf hinweisen könnten, daß auch Intelligenz so wie helle Hautfarbe, Körpergröße und andere angeborene Eigenschaften in Asien und Europa konvergent, das heißt unabhängig voneinander mit Hilfe unterschiedlicher Genetik evoluiert sind.
Diese SNP's scheinen mit dem Volumen der grauen Gehirnsubstanz zu korrelieren (2). Das Gen wird vor allem in den ersten zehn Schwangerschaftswochen abgelesen (1).
Diese neue Studie scheint fast nirgendwo im letzten Jahr Erwähnung gefunden zu haben in der Berichterstattung (außer: 3). Sie ist auch erst in einer Folgestudie zitiert worden.
1. https://www.semanticscholar.org/paper/Regional-selection-of-the-brain-size-regulating-ge-Bai-Hu/4dce828c8e05023e08b192f0993e8da229435310/figure/0
2. Lei Shi, Enzhi Hu, Zhenbo Wang, Jiewei Liu, Jin Li, Ming Li, Hua Chen, Chunshui Yu, Tianzi Jiang, Bing Su: Regional selection of the brain size regulating gene CASC5 provides new insight into human brain evolution. In: Human Genetics February 2017, Volume 136, Issue 2, pp 193–204, First Online: 22 November 2016, https://link.springer.com/article/10.1007/s00439-016-1748-5
3. Evidence for Natural Selection in Humans: East Asians Have Higher Frequency of CASC5 Brain Size Regulating Gene. https://notpoliticallycorrect.me/2017/10/18/evidence-for-natural-selection-in-humans-east-asians-have-higher-frequency-of-casc5-brain-size-regulator-gene/
https://www.semanticscholar.org/paper/Regional-selection-of-the-brain-size-regulating-ge-Bai-Hu/4dce828c8e05023e08b192f0993e8da229435310/figure/0
Die Steuerungssequenzen eines Gens, das Gehirngröße reguliert (CASC5), waren in den letzten Jahrtausenden nur bei Ostasiaten klarer positiver Selektion unterworfen, nirgendwo sonst bei Menschen oder Säugetieren.
Im November 2016 wurde eine neue chinesische humangenetische Studie veröffentlicht (1-3), nach der bei Delfinen, Mäusen und offenbar allen Primatenarten (Gibbons, Pavianen, Schimpansen, Gorillas, Orangutans), bei Neandertalern und beim Denisova-Menschen, bei heutigen Menschen in Afrika und in Europa in den Steuerungssequenzen des Gens CASC5 durchgängig eine alte Version vorhanden ist (siehe Abb.) (1, 2), während bei heutigen Menschen in Ostasien mehrheitlich eine neue Version vorhanden ist, also die Basen an den angegebenen SNP's jeweils ausgetauscht wurden.
Das sind klare Anzeichen von positiver Selektion bei Ostasiaten in den letzten Jahrzehntausenden oder in den letzten Jahrtausenden, die den durchschnittlich hohen Intelligenz-Quotienten der Ostasiaten hervorrufen könnten, und die darauf hinweisen könnten, daß auch Intelligenz so wie helle Hautfarbe, Körpergröße und andere angeborene Eigenschaften in Asien und Europa konvergent, das heißt unabhängig voneinander mit Hilfe unterschiedlicher Genetik evoluiert sind.
Diese SNP's scheinen mit dem Volumen der grauen Gehirnsubstanz zu korrelieren (2). Das Gen wird vor allem in den ersten zehn Schwangerschaftswochen abgelesen (1).
Diese neue Studie scheint fast nirgendwo im letzten Jahr Erwähnung gefunden zu haben in der Berichterstattung (außer: 3). Sie ist auch erst in einer Folgestudie zitiert worden.
1. https://www.semanticscholar.org/paper/Regional-selection-of-the-brain-size-regulating-ge-Bai-Hu/4dce828c8e05023e08b192f0993e8da229435310/figure/0
2. Lei Shi, Enzhi Hu, Zhenbo Wang, Jiewei Liu, Jin Li, Ming Li, Hua Chen, Chunshui Yu, Tianzi Jiang, Bing Su: Regional selection of the brain size regulating gene CASC5 provides new insight into human brain evolution. In: Human Genetics February 2017, Volume 136, Issue 2, pp 193–204, First Online: 22 November 2016, https://link.springer.com/article/10.1007/s00439-016-1748-5
3. Evidence for Natural Selection in Humans: East Asians Have Higher Frequency of CASC5 Brain Size Regulating Gene. https://notpoliticallycorrect.me/2017/10/18/evidence-for-natural-selection-in-humans-east-asians-have-higher-frequency-of-casc5-brain-size-regulator-gene/
https://www.semanticscholar.org/paper/Regional-selection-of-the-brain-size-regulating-ge-Bai-Hu/4dce828c8e05023e08b192f0993e8da229435310/figure/0
Montag, 26. Februar 2018
Gundula Janowitz und Herbert von Karajan
Gundula Janowitz und Herbert von Karajan
Es ist unglaublich faszinierend zu sehen, wie Herbert von Karajan in das Leben unzähliger Menschen eingegriffen hat, erweckend, lehrend, aufbauend - oder auch sich von ihnen verabschiedend. So etwas erzählt auch die Sopranistin Gundula Janowitz (* 2. August 1937 in Berlin) über ihn (1, 2).
Recherchiert man dem hinterher, findet man unzählige Aufnahmen der Janowitz zusammen mit Karajan. Da singt sie etwa 1969 mit den Berliner Philharmonikern und Karajan das Beethoven'sche Egmont-Lied "Die Trommel gerühret" (3).
Und zunächst hat man den Eindruck, daß dieses Lied doch auch noch anders, zum Beispiel kräftiger gesungen werden könnte, vielleicht sollte. Vergleicht man aber die Janowitz-Karajan-Aufnahme mit so vielen anderen Aufnahmen, die zugänglich sind, ältere und jüngere, so muß man sagen: nein, hier ist der Ton und Stimmungsgehalt des Liedes am besten getroffen. Es ist kein Lied, das zu kräftig gesungen werden darf. Und das haben Karajan und die Janowitz begriffen. Hier noch der Text:
Nr. 1
Die Trommel gerühret,
Das Pfeifchen gespielt!
Mein Liebster gewaffnet
Dem Haufen befiehlt,
Die Lanze hoch führet,
Die Leute regieret.
Wie klopft mir das Herz!
Wie wallt mir das Blut!
O hätt' ich ein Wämslein
Und Hosen und Hut!
Ich folgt' ihm zum Tor 'naus
mit mutigem Schritt,
Ging' durch die Provinzen,
ging' überall mit.
Die Feinde schon weichen,
Wir schießen da drein;
Welch' Glück sondergleichen,
Ein Mannsbild zu sein!
Nr. 2
Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und bangen
In schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzend
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Vielleicht war es wirklich falsch von der Janowitz, für Bernstein den Fidelio zu singen - anstatt mit Karajan. Karajan wühlt auf, noch heute.
1. Gundula Janowitz about working with Karajan, https://www.youtube.com/watch?v=NH1HB2BZ3D0&index=5&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Gundula_Janowitz
3. Gundula Janowitz; "Soprano Selections"; Egmont; Ludwig van Beethoven, https://www.youtube.com/watch?v=snIlOAzwa7s&index=3&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
https://www.youtube.com/watch?v=NH1HB2BZ3D0&index=5&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
Es ist unglaublich faszinierend zu sehen, wie Herbert von Karajan in das Leben unzähliger Menschen eingegriffen hat, erweckend, lehrend, aufbauend - oder auch sich von ihnen verabschiedend. So etwas erzählt auch die Sopranistin Gundula Janowitz (* 2. August 1937 in Berlin) über ihn (1, 2).
Recherchiert man dem hinterher, findet man unzählige Aufnahmen der Janowitz zusammen mit Karajan. Da singt sie etwa 1969 mit den Berliner Philharmonikern und Karajan das Beethoven'sche Egmont-Lied "Die Trommel gerühret" (3).
Und zunächst hat man den Eindruck, daß dieses Lied doch auch noch anders, zum Beispiel kräftiger gesungen werden könnte, vielleicht sollte. Vergleicht man aber die Janowitz-Karajan-Aufnahme mit so vielen anderen Aufnahmen, die zugänglich sind, ältere und jüngere, so muß man sagen: nein, hier ist der Ton und Stimmungsgehalt des Liedes am besten getroffen. Es ist kein Lied, das zu kräftig gesungen werden darf. Und das haben Karajan und die Janowitz begriffen. Hier noch der Text:
Nr. 1
Die Trommel gerühret,
Das Pfeifchen gespielt!
Mein Liebster gewaffnet
Dem Haufen befiehlt,
Die Lanze hoch führet,
Die Leute regieret.
Wie klopft mir das Herz!
Wie wallt mir das Blut!
O hätt' ich ein Wämslein
Und Hosen und Hut!
Ich folgt' ihm zum Tor 'naus
mit mutigem Schritt,
Ging' durch die Provinzen,
ging' überall mit.
Die Feinde schon weichen,
Wir schießen da drein;
Welch' Glück sondergleichen,
Ein Mannsbild zu sein!
Nr. 2
Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein;
Langen
Und bangen
In schwebender Pein;
Himmelhoch jauchzend
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Vielleicht war es wirklich falsch von der Janowitz, für Bernstein den Fidelio zu singen - anstatt mit Karajan. Karajan wühlt auf, noch heute.
1. Gundula Janowitz about working with Karajan, https://www.youtube.com/watch?v=NH1HB2BZ3D0&index=5&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Gundula_Janowitz
3. Gundula Janowitz; "Soprano Selections"; Egmont; Ludwig van Beethoven, https://www.youtube.com/watch?v=snIlOAzwa7s&index=3&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
https://www.youtube.com/watch?v=NH1HB2BZ3D0&index=5&t=0s&list=LLnQy_x6B_UyieSskDfHXesg
Wie die Augen größer wurden beim Übergang zum Landleben vor 385 Mio. Jahren
Wie die Augen größer wurden beim Übergang zum Landleben vor 385 Mio. Jahren
Beim Übergang zum Landleben mußten bei den Wirbeltieren zuerst die Augen größer werden. Denn in der klaren Luft kann man weiter sehen als im diesigen Wasser. Im Wasser würde eine Vergrößerung der Augen keine Verbesserung der Sehqualität mit sich bringen, über dem Wasser dagegen schon.
1. Massive increase in visual range preceded the origin of terrestrial vertebrates. Autoren: Malcolm A. MacIver, Lars Schmitz, Ugurcan Mugan, Todd D. Murphey and Curtis D. Mobley. In: PNAS 2017 March, 114 (12) E2375-E2384. https://doi.org/10.1073/pnas.1615563114 , http://www.pnas.org/content/114/12/E2375?etoc=,
http://www.pnas.org/content/pnas/114/12/E2375/F5.large.jpg
Beim Übergang zum Landleben mußten bei den Wirbeltieren zuerst die Augen größer werden. Denn in der klaren Luft kann man weiter sehen als im diesigen Wasser. Im Wasser würde eine Vergrößerung der Augen keine Verbesserung der Sehqualität mit sich bringen, über dem Wasser dagegen schon.
1. Massive increase in visual range preceded the origin of terrestrial vertebrates. Autoren: Malcolm A. MacIver, Lars Schmitz, Ugurcan Mugan, Todd D. Murphey and Curtis D. Mobley. In: PNAS 2017 March, 114 (12) E2375-E2384. https://doi.org/10.1073/pnas.1615563114 , http://www.pnas.org/content/114/12/E2375?etoc=,
http://www.pnas.org/content/pnas/114/12/E2375/F5.large.jpg
Sonntag, 25. Februar 2018
Ancient DNA von Langobarden am Plattensee in Ungarn und in Norditalien aus der Zeit 550 bis 630 n. Ztr.
Ancient DNA von Langobarden am Plattensee in Ungarn und in Norditalien aus der Zeit 550 bis 630 n. Ztr.
Am Südufer des Plattensees in Westungarn ist bei dem heutigen Dorf Szólád ab 2005 ein langobardisches Gräberfeld mit 45 Gräbern ausgegraben worden aus der Zeit um 550 n. Ztr. (1-3). Soeben ist eine Ancient-DNA-Analyse dieser Gräber veröffentlicht worden zusammen mit der Analyse eines ähnlichen Gräberfeldes bei Turin in Norditalien (2).
In zentraler Lage des Gräberfeldes am Plattensee finden sich zehn männliche Angehörige einer Familie/Sippe/Verwandtengruppe, die alle bis auf einen nordeuropäischer Abstammung waren. Ihre Skelette zeigten die beste Ernährung, ihre Gräber hatten eine herausgehobene Lage im Gräberfeld, schlossen das älteste Individuum mit ein, einem Grab war auch ein Pferd mit beigegeben und reichere Beilagen. Diese zehn Gräber waren - wenn man es recht versteht - von einem Halbring von zehn Frauengräbern umgeben. Von diesen Frauen waren fünf nordeuropäischer Abstammung, etwa die andere Hälfte war romanischer Abstammung. Nach der chemischen Analyse des Zahnschmelzes waren die meisten begrabenen Erwachsenen nicht vor Ort aufgewachsen, sondern aus einer anderen Region zugewandert.
Diese zwanzig Gräber waren nun von zehn Männergräber umgeben, die alle bis auf einen nordeuropäischer Abstammung hatten, aber nicht zu der engeren Verwandtschaft der Erstgenannten gehörten. Einige von ihnen hatten auch romanische, südeuropäische Gene.
Es gab noch weitere sieben beigabelose Gräber, die alle romanischer Abstammung waren, aber auch nicht vor Ort aufgewachsen waren, also auch mit den Germanen mit zugezogen sind. Vielleicht waren sie schon in früheren Kriegszügen von ihnen zu Sklaven gemacht worden.
Langobarden in der Nähe von Turin
Weiterhin sind 57 Skelette aus einem langobardischen Gräberfeld bei Collegno nahe Turin in Norditalien untersucht worden aus der Zeit zwischen 580 und 630 n. Ztr.. Auch hier ist im Gräberfeld eine enge kinderreiche Verwandtengruppe nordeuropäischer Abstammung zu erkennen. Vermischung mit Romanen ist hier kaum feststellbar. Die auch hier zu findenden beigabelosen Gräber romanischer Herkunft zeigen auch hier lediglich auf, daß diese Menschen sozial weit unter den Zuwanderern gestanden haben.
Insgesamt deutet sich aus all dem die Sozialstruktur an, mit der die germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit gewandert sind. Den besitzenden Familien konnten - in welcher Form auch immer - abhängige Männer des gleichen Stammes zugeordnet sein, die ihnen aber nicht zwangsläufig sozial gleich gestellt sein mußten.
Sodann gab es zwei unterschiedliche Verhaltensweisen. Einerseits konnte - etwa am Plattensee in Ungarn - schon die erste Generation der Zuwanderer auf dem Territorium des ehemaligen Römischen Reiches sich mit den einheimischen Roman(inn)en vermischen, insbesondere romanische Frauen heiraten, andererseits konnte es auch - etwa beim heutigen Turin - Familienclans geben, die weiterhin unter sich heirateten.
_______________________________
Auszug, Originaltext zu Szólád (2): "We were able to show in particular that the burials in this cemetery were organized predominantly around a three-generation kindred with ten members (Kindred SZ1), all but one of which were of predominantly central/northern ancestry. Members of this kindred stand out in relation to others for a number of reasons: (i) access to diet higher in animal protein; (ii) graves occupying a prominent position in the cemetery, (iii) the presence of the oldest individual in the cemetery (SZ24), and (iv) the individual (SZ13) with the deepest grave and the only one buried with a horse, Thuringian type pottery, and a scale with weights and coins.
Surrounding this kindred within the area demarcated by the half-ring of women there are 10 males. Of the nine for which we have genetic data, all have predominantly central/northern European genetic ancestry but some have both additional TSI and IBS ancestry (for example SZ5), suggesting somewhat diverse genetic and thus possibly different geographic origins amongst each other and from the focal Kindred SZ1. All adults and teenagers have weapons and three out of four adults share the same non-local Sr signature as adults in indred SZ1.
The half-ring of women itself has a mixture of individuals (10 adults and 1 child), with five that have predominantly central/northern ancestry, three that have majority TSI+IBS ancestry and they have a wide range of strontium isotope ratios. SZ19 is found amongst this half-ring and though she is part of Kindred SZ1, she lacks the ledge graves of the other members, has a distinct material culture and is of southern ancestry. To what extent her lack of IBD with SZ24 and her different ancestry contributed to her more peripheral burial compared to both the female SZ8 (who is buried within the core) and the male SZ15 (who similarly unrelated to SZ24 but again found within the core) is an open question."
_____________________________________
1. Rheinische Landesmuseum stellt Volksstamm der Langobarden vor. General-Anzeiger, 2008, http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/wissen-und-bildung/wissenschaft/Rheinische-Landesmuseum-stellt-Volksstamm-der-Langobarden-vor-article159442.html
2. Carlos Eduardo G. Amorim: Understanding 6th-Century Barbarian Social Organization and Migration through Paleogenomics. Preprint, 20.2.2018, https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/early/2018/02/20/268250.full.pdf
3. https://www.researchgate.net/publication/259714974_Schmelztiegel_Balaton_Zum_Verhaltnis_langobardischer_Einwanderergruppen_und_vor-_langobardenzeitlicher_romanischer_Bevolkerung_am_Balaton_-_Szolad_und_Keszthely-Fenekpuszta_zwischen_Archaologie_und_Is
4. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lombard_woman%27s_grave_goods_from_Sz%C3%B3l%C3%A1d,_Hungary.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lombard_woman%27s_grave_goods_from_Sz%C3%B3l%C3%A1d,_Hungary.jpg
Am Südufer des Plattensees in Westungarn ist bei dem heutigen Dorf Szólád ab 2005 ein langobardisches Gräberfeld mit 45 Gräbern ausgegraben worden aus der Zeit um 550 n. Ztr. (1-3). Soeben ist eine Ancient-DNA-Analyse dieser Gräber veröffentlicht worden zusammen mit der Analyse eines ähnlichen Gräberfeldes bei Turin in Norditalien (2).
In zentraler Lage des Gräberfeldes am Plattensee finden sich zehn männliche Angehörige einer Familie/Sippe/Verwandtengruppe, die alle bis auf einen nordeuropäischer Abstammung waren. Ihre Skelette zeigten die beste Ernährung, ihre Gräber hatten eine herausgehobene Lage im Gräberfeld, schlossen das älteste Individuum mit ein, einem Grab war auch ein Pferd mit beigegeben und reichere Beilagen. Diese zehn Gräber waren - wenn man es recht versteht - von einem Halbring von zehn Frauengräbern umgeben. Von diesen Frauen waren fünf nordeuropäischer Abstammung, etwa die andere Hälfte war romanischer Abstammung. Nach der chemischen Analyse des Zahnschmelzes waren die meisten begrabenen Erwachsenen nicht vor Ort aufgewachsen, sondern aus einer anderen Region zugewandert.
Diese zwanzig Gräber waren nun von zehn Männergräber umgeben, die alle bis auf einen nordeuropäischer Abstammung hatten, aber nicht zu der engeren Verwandtschaft der Erstgenannten gehörten. Einige von ihnen hatten auch romanische, südeuropäische Gene.
Es gab noch weitere sieben beigabelose Gräber, die alle romanischer Abstammung waren, aber auch nicht vor Ort aufgewachsen waren, also auch mit den Germanen mit zugezogen sind. Vielleicht waren sie schon in früheren Kriegszügen von ihnen zu Sklaven gemacht worden.
Langobarden in der Nähe von Turin
Weiterhin sind 57 Skelette aus einem langobardischen Gräberfeld bei Collegno nahe Turin in Norditalien untersucht worden aus der Zeit zwischen 580 und 630 n. Ztr.. Auch hier ist im Gräberfeld eine enge kinderreiche Verwandtengruppe nordeuropäischer Abstammung zu erkennen. Vermischung mit Romanen ist hier kaum feststellbar. Die auch hier zu findenden beigabelosen Gräber romanischer Herkunft zeigen auch hier lediglich auf, daß diese Menschen sozial weit unter den Zuwanderern gestanden haben.
Insgesamt deutet sich aus all dem die Sozialstruktur an, mit der die germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit gewandert sind. Den besitzenden Familien konnten - in welcher Form auch immer - abhängige Männer des gleichen Stammes zugeordnet sein, die ihnen aber nicht zwangsläufig sozial gleich gestellt sein mußten.
Sodann gab es zwei unterschiedliche Verhaltensweisen. Einerseits konnte - etwa am Plattensee in Ungarn - schon die erste Generation der Zuwanderer auf dem Territorium des ehemaligen Römischen Reiches sich mit den einheimischen Roman(inn)en vermischen, insbesondere romanische Frauen heiraten, andererseits konnte es auch - etwa beim heutigen Turin - Familienclans geben, die weiterhin unter sich heirateten.
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Auszug, Originaltext zu Szólád (2): "We were able to show in particular that the burials in this cemetery were organized predominantly around a three-generation kindred with ten members (Kindred SZ1), all but one of which were of predominantly central/northern ancestry. Members of this kindred stand out in relation to others for a number of reasons: (i) access to diet higher in animal protein; (ii) graves occupying a prominent position in the cemetery, (iii) the presence of the oldest individual in the cemetery (SZ24), and (iv) the individual (SZ13) with the deepest grave and the only one buried with a horse, Thuringian type pottery, and a scale with weights and coins.
Surrounding this kindred within the area demarcated by the half-ring of women there are 10 males. Of the nine for which we have genetic data, all have predominantly central/northern European genetic ancestry but some have both additional TSI and IBS ancestry (for example SZ5), suggesting somewhat diverse genetic and thus possibly different geographic origins amongst each other and from the focal Kindred SZ1. All adults and teenagers have weapons and three out of four adults share the same non-local Sr signature as adults in indred SZ1.
The half-ring of women itself has a mixture of individuals (10 adults and 1 child), with five that have predominantly central/northern ancestry, three that have majority TSI+IBS ancestry and they have a wide range of strontium isotope ratios. SZ19 is found amongst this half-ring and though she is part of Kindred SZ1, she lacks the ledge graves of the other members, has a distinct material culture and is of southern ancestry. To what extent her lack of IBD with SZ24 and her different ancestry contributed to her more peripheral burial compared to both the female SZ8 (who is buried within the core) and the male SZ15 (who similarly unrelated to SZ24 but again found within the core) is an open question."
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1. Rheinische Landesmuseum stellt Volksstamm der Langobarden vor. General-Anzeiger, 2008, http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/wissen-und-bildung/wissenschaft/Rheinische-Landesmuseum-stellt-Volksstamm-der-Langobarden-vor-article159442.html
2. Carlos Eduardo G. Amorim: Understanding 6th-Century Barbarian Social Organization and Migration through Paleogenomics. Preprint, 20.2.2018, https://www.biorxiv.org/content/biorxiv/early/2018/02/20/268250.full.pdf
3. https://www.researchgate.net/publication/259714974_Schmelztiegel_Balaton_Zum_Verhaltnis_langobardischer_Einwanderergruppen_und_vor-_langobardenzeitlicher_romanischer_Bevolkerung_am_Balaton_-_Szolad_und_Keszthely-Fenekpuszta_zwischen_Archaologie_und_Is
4. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lombard_woman%27s_grave_goods_from_Sz%C3%B3l%C3%A1d,_Hungary.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lombard_woman%27s_grave_goods_from_Sz%C3%B3l%C3%A1d,_Hungary.jpg
Freitag, 23. Februar 2018
Zigeunerliedchen
Zigeunerliedchen
Als die alte Mutter mich noch lehrte singen,
Tränen in den Wimpern gar so oft ihr hingen.
Jetzt wo ich die Kleinen selber üb' im Sange,
rieselt's in den Bart oft, rieselt's oft von der braunen Wange.
(Adolf Heyduk, tschechischer Dichter)
https://www.youtube.com/watch?v=hz_aWpJT-sE&feature=share
Als die alte Mutter mich noch lehrte singen,
Tränen in den Wimpern gar so oft ihr hingen.
Jetzt wo ich die Kleinen selber üb' im Sange,
rieselt's in den Bart oft, rieselt's oft von der braunen Wange.
(Adolf Heyduk, tschechischer Dichter)
https://www.youtube.com/watch?v=hz_aWpJT-sE&feature=share
Donnerstag, 22. Februar 2018
Die "Kuckucke" unter den Käferarten
Die "Kuckucke" unter den Käferarten
Symbiotisch eng mit Wanderameisen lebende Käferarten - Sie sind mindestens zwölf mal konvergent, also unabhängig voneinander evoluiert
Es gibt eine wenig bekannte Gruppe von Käfer-Arten, Kurzflügler genannt (engl. "Rover Beetle"), die sich noch weitaus ungewöhnlicher als etwa der Kuckuck verhalten. Ihre Symbiose mit anderen Tieren, vor allem mit Ameisen, ist noch viel komplexer und deshalb auch evolutionsbiologisch außerordentlich interessant. Über ihre komplexen Symbiosen heißt es zusammenfassend derzeit auf Wikipedia (1):
"Manche Arten leben nur in Nestern von Vögeln und Säugetieren. Nicht wenige Kurzflüglerarten wohnen ausschließlich in Wespen-, Ameisen- oder Termitennestern (Myrmecophilie), teilweise dort von den Ameisen als Nestangehörige behandelt, ihre gesamte Entwicklung durchlaufend.
Die Beziehungen zwischen den Käfern und ihren Ameisen-Wirten sind mannigfach und faszinierend: Einige Arten machen Jagd auf die Wirtstiere, andere fressen das Aas im Nest oder dezimieren Ameisenbrut und wieder andere veranlassen ihren Wirt, Nahrung für sie hervor zu würgen. Die Käferlarven werden von den Wirtsameisen intensiver gepflegt und gefüttert als deren eigene Larven, täuschen den Wirt durch intensives Imitieren der Bettelbewegungen und durch einen über Hautdrüsen abgesonderten, Brutpflegeverhalten auslösenden Stoff (Insektenpheromone). Käferlarven sind somit starke Nahrungskonkurrenten für die Ameisenbrut.
Viele Arten (insbesondere der Tropen) haben besonders perfekte Anpassungen entwickelt. Ihr Körper weist oftmals eine weitgehende Körperumkonstruktion auf. Andere ziehen als Wandergäste auf Jagdzügen mit dem Ameisenheer in der Nachhut - oder wie die meist symphilen Formen (also die sekretspendenden 'Züchtungsprodukte' jener Ameisen), deren eigens ausgebildete Haftapparate an den Füßen dafür sorgen, daß diese Kurzflügler auf Kopf oder Rücken der Ameisen sitzend deren Beutezüge begleiten können. Fast alle Arten sind mit 1 bis 2 Paaren oft sehr großer, sich im Hinterleib befindender Wehrdrüsen ausgestattet. Die synthetisierten Wehrstoffe sind von mannigfacher Art (...). Diese Eigenschaften in Kombination mit einem großen Fortpflanzungspotenzial und anderen hochentwickelten Merkmalen machen die Kurzflügler zu einer evolutionär sehr erfolgreichen Tiergruppe."
Und nun heißt es in einer neuen Studie, daß die symbiotisch mit Ameisen zusammenlebende Lebensweise dieser Kurzflügler-Arten unabhängig voneinander mindestens zwölf mal konvergent evoluiert ist, und zwar jeweils in unterschiedlichen Erdregionen nach dem Aussterben der Dinosaurier als die Wanderameisen ("army ant") ökologisch dominant wurden (2):
"Here we demonstrate that myrmecoid rove beetles are strongly polyphyletic, with this novel adaptive morphological and behavioral syndrome having evolved at least twelve times during the evolution of a single staphylinid subfamily, Aleocharinae. Each independent myrmecoid clade is restricted to one zoogeographic region and highly host-specific on a single army ant genus. Dating estimates reveal that myrmecoid clades are separated by substantial phylogenetic distances—as much as 105 million years (My). All such groups arose in parallel during the Cenozoic, as army ants are proposed to have risen to ecological dominance. This work uncovers a rare example of an ancient system of complex morphological and behavioral convergence, with replicate beetle lineages following a predictable phenotypic trajectory during their parasitic coevolution with army ants."
Sie werden also angesprochen als ein seltener Fall komplexer morphologischer und verhaltensmäßiger Konvergenz, bei der Käfer-Vorfahrenlinien unabhängig voneinander voraussagbare Richtungen eingeschlagen haben während ihrer parasitären Koevolution mit verschiedenen Wanderameisen-Arten.
1. https://de.wikipedia.org/wiki/Kurzfl%C3%BCgler, https://en.wikipedia.org/wiki/Rove_beetle, https://en.wikipedia.org/wiki/Myrmecophily_in_Staphylinidae
2. Munetoshi Maruyama, Joseph Parker: Deep-Time Convergence in Rove Beetle Symbionts of Army Ants. In: Current Biology, Volume 27, Issue 6, 20 March 2017, Pages 920-926, https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.02.030, https://www.biorxiv.org/content/early/2016/09/20/076315, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217301987
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217301987
Symbiotisch eng mit Wanderameisen lebende Käferarten - Sie sind mindestens zwölf mal konvergent, also unabhängig voneinander evoluiert
Es gibt eine wenig bekannte Gruppe von Käfer-Arten, Kurzflügler genannt (engl. "Rover Beetle"), die sich noch weitaus ungewöhnlicher als etwa der Kuckuck verhalten. Ihre Symbiose mit anderen Tieren, vor allem mit Ameisen, ist noch viel komplexer und deshalb auch evolutionsbiologisch außerordentlich interessant. Über ihre komplexen Symbiosen heißt es zusammenfassend derzeit auf Wikipedia (1):
"Manche Arten leben nur in Nestern von Vögeln und Säugetieren. Nicht wenige Kurzflüglerarten wohnen ausschließlich in Wespen-, Ameisen- oder Termitennestern (Myrmecophilie), teilweise dort von den Ameisen als Nestangehörige behandelt, ihre gesamte Entwicklung durchlaufend.
Die Beziehungen zwischen den Käfern und ihren Ameisen-Wirten sind mannigfach und faszinierend: Einige Arten machen Jagd auf die Wirtstiere, andere fressen das Aas im Nest oder dezimieren Ameisenbrut und wieder andere veranlassen ihren Wirt, Nahrung für sie hervor zu würgen. Die Käferlarven werden von den Wirtsameisen intensiver gepflegt und gefüttert als deren eigene Larven, täuschen den Wirt durch intensives Imitieren der Bettelbewegungen und durch einen über Hautdrüsen abgesonderten, Brutpflegeverhalten auslösenden Stoff (Insektenpheromone). Käferlarven sind somit starke Nahrungskonkurrenten für die Ameisenbrut.
Viele Arten (insbesondere der Tropen) haben besonders perfekte Anpassungen entwickelt. Ihr Körper weist oftmals eine weitgehende Körperumkonstruktion auf. Andere ziehen als Wandergäste auf Jagdzügen mit dem Ameisenheer in der Nachhut - oder wie die meist symphilen Formen (also die sekretspendenden 'Züchtungsprodukte' jener Ameisen), deren eigens ausgebildete Haftapparate an den Füßen dafür sorgen, daß diese Kurzflügler auf Kopf oder Rücken der Ameisen sitzend deren Beutezüge begleiten können. Fast alle Arten sind mit 1 bis 2 Paaren oft sehr großer, sich im Hinterleib befindender Wehrdrüsen ausgestattet. Die synthetisierten Wehrstoffe sind von mannigfacher Art (...). Diese Eigenschaften in Kombination mit einem großen Fortpflanzungspotenzial und anderen hochentwickelten Merkmalen machen die Kurzflügler zu einer evolutionär sehr erfolgreichen Tiergruppe."
Und nun heißt es in einer neuen Studie, daß die symbiotisch mit Ameisen zusammenlebende Lebensweise dieser Kurzflügler-Arten unabhängig voneinander mindestens zwölf mal konvergent evoluiert ist, und zwar jeweils in unterschiedlichen Erdregionen nach dem Aussterben der Dinosaurier als die Wanderameisen ("army ant") ökologisch dominant wurden (2):
"Here we demonstrate that myrmecoid rove beetles are strongly polyphyletic, with this novel adaptive morphological and behavioral syndrome having evolved at least twelve times during the evolution of a single staphylinid subfamily, Aleocharinae. Each independent myrmecoid clade is restricted to one zoogeographic region and highly host-specific on a single army ant genus. Dating estimates reveal that myrmecoid clades are separated by substantial phylogenetic distances—as much as 105 million years (My). All such groups arose in parallel during the Cenozoic, as army ants are proposed to have risen to ecological dominance. This work uncovers a rare example of an ancient system of complex morphological and behavioral convergence, with replicate beetle lineages following a predictable phenotypic trajectory during their parasitic coevolution with army ants."
Sie werden also angesprochen als ein seltener Fall komplexer morphologischer und verhaltensmäßiger Konvergenz, bei der Käfer-Vorfahrenlinien unabhängig voneinander voraussagbare Richtungen eingeschlagen haben während ihrer parasitären Koevolution mit verschiedenen Wanderameisen-Arten.
1. https://de.wikipedia.org/wiki/Kurzfl%C3%BCgler, https://en.wikipedia.org/wiki/Rove_beetle, https://en.wikipedia.org/wiki/Myrmecophily_in_Staphylinidae
2. Munetoshi Maruyama, Joseph Parker: Deep-Time Convergence in Rove Beetle Symbionts of Army Ants. In: Current Biology, Volume 27, Issue 6, 20 March 2017, Pages 920-926, https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.02.030, https://www.biorxiv.org/content/early/2016/09/20/076315, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217301987
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217301987
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