Frühe Ansätze von Arbeitsteilung
Bei kleinen Ameisengruppen
Eine neue Studie zum Thema Arbeitsteilung ist erschienen (1). Siehe dazu auch eine Pressemitteilung der Princeton Universität (2). Nach dieser Studie sieht man die Anfänge von Arbeitsteilung schon in "Ameisenvölkern", bzw. besser "-Familien", die keine Königinnen haben, sondern nur sechs bis 16 morphologisch identische Arbeiterinnen umfassen, die sich alle gleichzeitig fortpflanzen.
"As groups got larger … tasks, like foraging and nursing, being more consistently performed and less neglected".
Eine bessere Gruppen-Fitneß kann aber auch schon erreicht werden allein durch das Wachstum der Gruppengröße und - auf dieser niedrigen Stufe - noch ganz ohne zusätzliche Arbeitsteilung. Im übrigen bedarf es hier keiner "elitären" Figuren, um sich arbeitsteilig zu organisieren, wie die Forscher sagen. Das funktioniert über Selbstorganisation.
__________________________________________
1. Ulrich, Y., Saragosti, J., Tokita, C. K., Tarnita, C. E., & Kronauer, D. J. C. (2018). Fitness benefits and emergent division of labour at the onset of group living. Nature. doi:10.1038/s41586-018-0422-6, sci-hub.tw/10.1038/s41586-018-0422-6
2. Ant-y social: Successful ant colonies hint at how societies evolve
Liz Fuller-Wright, Aug. 23, 2018, https://www.princeton.edu/news/2018/08/23/ant-y-social-successful-ant-colonies-hint-how-societies-evolve
https://www.princeton.edu/news/2018/08/23/ant-y-social-successful-ant-colonies-hint-how-societies-evolve
Evolution - Evolutionäre Anthropologie - Geschichte und Gesellschaft
Mittwoch, 29. August 2018
Donnerstag, 23. August 2018
Getreide-Monokultur ist natürlich
Getreide-Monokultur ist natürlich
Der Mensch hat sie seit 10.000 Jahren als natürliche Lebensweise von Getreide nachgeahmt
Auf die Frage, warum wir heute zu so großen Teilen von Getreide leben und warum unsere ganze Zivilisation seit 10.000 Jahren auf Getreide beruht, scheint in diesen Monaten wieder eine recht spannende neue Teilantwort gefunden worden zu sein (1).
Die Wildgetreidearten, also die wilden Grasarten des Vorderen Orients, von denen unsere domestizierten Getreidearten abstammen, gehören zu den 1 % aller Gräser weltweit, die schon im Naturzustand die größten Samen haben. Das ist schon länger bekannt und konnte ein wenig verwirren. Der Grund dafür kann nun aber auf natürliche Umstände - nicht auf menschliche Einflüsse - zurück geführt werden (1). Bislang hatte man dafür auch noch diffuse menschliche Einflüsse für möglich gehalten.
Es handelt sich bei den Vorfahren der domestizierten Getreidearten um einjährige Pflanzen, die sich gegenüber konkurrierenden einjährigen Pflanzen dann leichter durchsetzen können, wenn sie größere Samen und Grannen haben und wenn sie zugleich Alleindominanz ("Monodominance") in ihrem Lebensraum haben, also aufgrund ihrer großen Samen konkurrierende Grasarten ganz verdrängen, schon natürlicherweise.
Mit dieser Einsicht scheint die "Broad spectrum"-Annahme, also die Annahme, daß der Übergang zum Ackerbau aufgrund der Nutzung eines breiten Spektrums vielfältigster Pflanzenarten sich vollzogen hat, die im Lebensraum der ersten ackerbautreibenden Kulturen vorkamen, ihre Alleinherrschaft zu verlieren. Monokultur, so unnatürlich sie uns auch vorkommen mag streckenweise, scheint doch auch eine Grundlage unserer ganzen Zivilisation zu sein, und zwar natürlicherweise.
1. A natural adaptive syndrome as a model for the origins of cereal agriculture. David Wood, Jillian M. Lenné, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1875/20180277?etoc
http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1875/20180277?etoc
Der Mensch hat sie seit 10.000 Jahren als natürliche Lebensweise von Getreide nachgeahmt
Auf die Frage, warum wir heute zu so großen Teilen von Getreide leben und warum unsere ganze Zivilisation seit 10.000 Jahren auf Getreide beruht, scheint in diesen Monaten wieder eine recht spannende neue Teilantwort gefunden worden zu sein (1).
Die Wildgetreidearten, also die wilden Grasarten des Vorderen Orients, von denen unsere domestizierten Getreidearten abstammen, gehören zu den 1 % aller Gräser weltweit, die schon im Naturzustand die größten Samen haben. Das ist schon länger bekannt und konnte ein wenig verwirren. Der Grund dafür kann nun aber auf natürliche Umstände - nicht auf menschliche Einflüsse - zurück geführt werden (1). Bislang hatte man dafür auch noch diffuse menschliche Einflüsse für möglich gehalten.
Es handelt sich bei den Vorfahren der domestizierten Getreidearten um einjährige Pflanzen, die sich gegenüber konkurrierenden einjährigen Pflanzen dann leichter durchsetzen können, wenn sie größere Samen und Grannen haben und wenn sie zugleich Alleindominanz ("Monodominance") in ihrem Lebensraum haben, also aufgrund ihrer großen Samen konkurrierende Grasarten ganz verdrängen, schon natürlicherweise.
Mit dieser Einsicht scheint die "Broad spectrum"-Annahme, also die Annahme, daß der Übergang zum Ackerbau aufgrund der Nutzung eines breiten Spektrums vielfältigster Pflanzenarten sich vollzogen hat, die im Lebensraum der ersten ackerbautreibenden Kulturen vorkamen, ihre Alleinherrschaft zu verlieren. Monokultur, so unnatürlich sie uns auch vorkommen mag streckenweise, scheint doch auch eine Grundlage unserer ganzen Zivilisation zu sein, und zwar natürlicherweise.
1. A natural adaptive syndrome as a model for the origins of cereal agriculture. David Wood, Jillian M. Lenné, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1875/20180277?etoc
http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1875/20180277?etoc
Dienstag, 21. August 2018
Erfindung der Keramik in Japan, 14.000 v. Ztr.
Erfindung der Keramik in Japan, 14.000 v. Ztr.
In Zusammenhang mit Fischfang
Wie neulich schon ausgeführt, waren die Ur-Japaner, die Jomon-Kultur, und die Andamesen auf den Andamanen-Inseln genetisch ein Volk. Nun findet sich die älteste Keramik weltweit auf den japanischen Inseln in eben derselben Jomon-Kultur (1). Es gibt erste archäologische Hinweise, Vermutungen, daß sich die Keramik von dort über ganz Osteuropa bis zur Ertebolle-Kultur an der Ostsee ausgebreitet hat, daß also auch das Ursprungsvolk der Indogermanen ihrer Keramik aus Osten bekommen haben.
Nun zeigt eine neue Studie (2) auf, daß die Jomon-Keramik schon vor mehr als 12.000 Jahren und dann über viele Jahrtausende in Japan hauptsächlich genutzt wurde, um den Fischfang des Meeres aufzubewahren und zu kochen.
Eine parallel erschienene neue Studie (3) zeigt auf, daß Brot im Vorderen Orient schon von den Erntevölkern des Natufiums gebacken wurde, 12.000 v. Ztr.. Somit erhalten viele Entwicklungen, die man bislang erst dem Übergang zur Vollseßhaftigkeit selbst zuschrieb, allmählich einen langen Vorlauf. Die Erntevölker haben Wildgetreide Jahrtausende lang nur geerntet, nicht angebaut.
1. https://en.wikipedia.org/wiki/J%C5%8Dmon_pottery
2. The impact of environmental change on the use of early pottery by East Asian hunter-gatherers. http://www.pnas.org/content/115/31/7931?etoc=
3. Archaeobotanical evidence reveals the origins of bread 14,400 years ago in northeastern Jordan. http://www.pnas.org/content/115/31/7925?etoc=
https://en.wikipedia.org/wiki/J%C5%8Dmon_pottery
In Zusammenhang mit Fischfang
Wie neulich schon ausgeführt, waren die Ur-Japaner, die Jomon-Kultur, und die Andamesen auf den Andamanen-Inseln genetisch ein Volk. Nun findet sich die älteste Keramik weltweit auf den japanischen Inseln in eben derselben Jomon-Kultur (1). Es gibt erste archäologische Hinweise, Vermutungen, daß sich die Keramik von dort über ganz Osteuropa bis zur Ertebolle-Kultur an der Ostsee ausgebreitet hat, daß also auch das Ursprungsvolk der Indogermanen ihrer Keramik aus Osten bekommen haben.
Nun zeigt eine neue Studie (2) auf, daß die Jomon-Keramik schon vor mehr als 12.000 Jahren und dann über viele Jahrtausende in Japan hauptsächlich genutzt wurde, um den Fischfang des Meeres aufzubewahren und zu kochen.
Eine parallel erschienene neue Studie (3) zeigt auf, daß Brot im Vorderen Orient schon von den Erntevölkern des Natufiums gebacken wurde, 12.000 v. Ztr.. Somit erhalten viele Entwicklungen, die man bislang erst dem Übergang zur Vollseßhaftigkeit selbst zuschrieb, allmählich einen langen Vorlauf. Die Erntevölker haben Wildgetreide Jahrtausende lang nur geerntet, nicht angebaut.
1. https://en.wikipedia.org/wiki/J%C5%8Dmon_pottery
2. The impact of environmental change on the use of early pottery by East Asian hunter-gatherers. http://www.pnas.org/content/115/31/7931?etoc=
3. Archaeobotanical evidence reveals the origins of bread 14,400 years ago in northeastern Jordan. http://www.pnas.org/content/115/31/7925?etoc=
https://en.wikipedia.org/wiki/J%C5%8Dmon_pottery
Donnerstag, 2. August 2018
Jonathan B. Losos’ Evolutionsbuch „Glücksfall Mensch“
Die Vorhersehung des Unwahrscheinlichen
In der Evolution
Wieder einmal ist die Übersetzung eines englischsprachigen Wissenschaftsbuches über Grundfragen der Evolution erschienen mit einem irreleitenden Titel.
Die englische Originalausgabe erschien mit dem Titel "Improbable Destinies - Fate, Chance and the Future of Evolution" (2017). Autor ist der Eidechsen-Forscher Jonathan B. Losos. Der Titel mag sich locker auf Richard Dawkins Buch "Climbing Mount Improbable" (1996) bezogen haben, das ins Deutsche korrekt übersetzt wurde mit "Gipfel des Unwahrscheinlichen" (1999), und das das alleinige Prinzip Zufall in der Evolution die Gipfelpunkte des Unwahrscheinlichen erklimmen sah. Dawkins argumentiert diesbezüglich aber längst differenzierter als in seinem Buch von 1996 (nämlich in "Geschichten vom Ursprung des Lebens" (2008) engl. "The Ancestor’s Tale - Pilgrimage to the Dawn of Life" (2004).
Das neue Buch nun könnte zu Deutsch etwa heißen: _"Die Vorhersehung des Unwahrscheinlichen - Schicksal, Zufall und die Zukunft der Evolution" (2018). So hätte eine einigermaßen korrekte Übersetzung heißen können. Tatsächlich aber lautet die deutsche Ausgabe aber "Glücksfall Mensch - Ist Evolution vorhersagbar?", was sich wiederum auf das Buch "Zufall Mensch" von Stephen Jay Gould beziehen könnte.
Nun gibt es Rezensionen zu diesem Buch, die betitelt sind "Die Evolution würfelt" (1), dabei steht schon im Klappentext "dass die Evolution nicht würfelt". Eine andere Rezension spricht schon passender von "Die begrenzten Möglichkeiten der Evolution" (2). Am Richtigsten scheint mir die Rezension in der FAZ von dem von mir oft geschätzten Thomas Weber den Inhalt zu treffen, wenn er sagt (3):
"Losos nimmt, auch im Licht solch komplexer experimenteller Befunde, in der Debatte zwischen Stephen Jay Gould und Simon Conway Morris eine mittlere Position ein - er betrachtet Evolution auf kurze Sicht als vorhersagbar. Diese Einschätzung wird beispielhaft von seinen eigenen Arbeiten an Eidechsen unterstützt."
Aus allem wird jedenfalls erkennbar, daß es sich um ein sehr ernsthaftes, differenziert argumentierendes Buch handelt, das zu lesen sich sehr lohnen dürfte.
1. https://www.wissenschaft.de/rezensionen/buecher/die-evolution-wuerfelt/
2. https://www.deutschlandfunkkultur.de/jonathan-b-losos-gluecksfall-mensch-die-begrenzten.950.de.html?dram:article_id=412553
3. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/jonathan-b-losos-evolutionsbuch-gluecksfall-mensch-15527947.html
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/jonathan-b-losos-evolutionsbuch-gluecksfall-mensch-15527947.html
Freitag, 20. Juli 2018
Der Übergang zum anatomisch modernen Menschen vor 300.000 bis 100.000 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent
Der Übergang zum anatomisch modernen Menschen vor 300.000 bis 100.000 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent
Das Ringen archaischerer mit moderneren Lebensformen
Die ältesten Vorfahren des anatomisch modernen Menschen, die 300.000 Jahre vor heute in Nordafrika lebten, wie man erst seit kurzem weiß, hatten, so führt eine neue Studie aus (1), eine Gesichtsmorphologie und Gehirngröße, die schon sehr ähnlich unserer heutigen war, allerding war ihre Kopfform mehr verlängert als so kugelförmig wie bei uns heute. Man könnte das als einen auffälligen Befund ansprechen! Warum verlängert statt rund???
Jedenfalls legt er die Vermutung nahe, so schreiben die Forscher (1), daß die Gehirnform und -funktion in den nächsten 200.000 Jahren noch weiter evoluieren mußten, um all das zu erreichen, was den anatomisch modernen Menschen seit etwa 100.000 Jahren ausmacht.
In Südafrika und Äthiopien waren deutlich jüngere Vorfahren des anatomisch modernen Menschen morphologisch noch viel vielfältiger gestaltet als jene genannten in Nordafrika, was manche Forscher bis heute dazu veranlaßte, sie sogar als anderen Vormenschen-Arten zugehörig anzusprechen. Beispielsweise gab es dort deutlich robustere, längere Gesichtsformen kombiniert mit runder, moderner Schädelform. Alle Merkmale des anatomisch modernen Menschen waren somit erst ab etwa 100.000 Jahren vor heute in Afrika versammelt.
Vielleicht hat also, so darf vermutet werden, schon vor 300.000 Jahren eine "avantgardistische" Menschengruppe vor allem in Nordafrika (?) schon vergleichsweise früh eine sehr modern-menschliche Art des Lebens angenommen, auch gehirnmäßig, hatte sich aber als solche evolutionär noch nicht so stabilisiert, so daß der evolutionäre Übergang dorthin dann doch noch einmal weitere 200.000 Jahre brauchte, um sich zu "stabilisieren" gegenüber Tendenzen archaischerer menschlicher Lebensformen.
Solche Zeitverzögerungen beim Durchsetzen moderner Lebensformen beobachtet man ja in der Evolution sehr häufig (Dinosaurier behielten noch lange die Vorherrschaft, als es Säugetiere schon längst gab usw.). Ebenso beobachtet man sie in der Kulturgeschichte der Menschheit sehr häufig: Die aufgeklärte Lebensform des antik-griechischen Menschen erlebte einen gewaltigen Rückschlag mit der Ausbreitung des bigott-christlichen Mittelalters und hat noch heute Mühe, sich gegen solche archaischeren Formen der Gestaltung der Gesellschaft und Kultur durchzusetzen.
So war es also womöglich auch schon vor 300.000 Jahren in Afrika. Und das würde sehr gut passen zur "Runaway Selction"-Evolution konkurrierender Gruppen, die der geniale Evolutionsbiologe Richard D. Alexander (geb. 1930) schon 1989 vorgeschlagen hatte, um Die Evolution der menschlichen Psyche zu erklären (2).
Original: "Extant human crania are characterized by a combination of features that distinguish us from our fossil relatives and ancestors, such as a small and gracile face, a chin, and a globular braincase. However, these typical modern human features emerge in a mosaic-like fashion within the H. sapiens clade. The oldest currently recognized members of the H. sapiens clade, from Jebel Irhoud in North Africa, have a facial morphology very similar to extant H. sapiens, as well as endocranial volumes that fall within the contemporary range of variation. However, their braincase shapes are elongated rather than globular, suggesting that distinctive features of brain shape, and possibly brain function, evolved within H. sapiens. Other early H. sapiens fossils from Florisbad in South Africa (~260 ka), Omo Kibish (~195 ka) and Herto (~160 ka), both in Ethiopia, are morphologically diverse. This diversity has led some researchers to propose that fossils such as Jebel Irhoud and Florisbad actually represent a more primitive species called ‘ H. helmei ’ , using the binomen given to the Florisbad partial cranium in 1935. In a similar vein, the fossil crania from Herto, which combine a relatively globular braincase with a robust occipital and large face, were described as the subspecies H. sapiens idaltu because they fall outside the variation of recent humans. However, we view H. sapiens as an evolving lineage with deep African roots, and therefore prefer to recognize such fossils as part of the diversity shown by early members of the H. sapiens clade. The full suite of cranial features characterizing contemporary humans does not appear until fairly recently, between about ~100 – 40 ka."
1. Did Our Species Evolve in Subdivided Populations across Africa, and Why Does It Matter?. Trends in Ecology & Evolution, 2018, Available from: https://www.researchgate.net/publication/326408394_Did_Our_Species_Evolve_in_Subdivided_Populations_across_Africa_and_Why_Does_It_Matter [accessed Jul 20 2018].
2. Alexander, Richard D.: The evolution of the human psyche. In The Human Revolution, C. Stringer and P. Mellars (eds), Univ. of Edinburgh Press 1989, pp. 455-513. http://rdalexander.qwriting.qc.cuny.edu/files/2018/05/Alexander89.pdf
https://www.researchgate.net/publication/326408394_Did_Our_Species_Evolve_in_Subdivided_Populations_across_Africa_and_Why_Does_It_Matter
Das Ringen archaischerer mit moderneren Lebensformen
Die ältesten Vorfahren des anatomisch modernen Menschen, die 300.000 Jahre vor heute in Nordafrika lebten, wie man erst seit kurzem weiß, hatten, so führt eine neue Studie aus (1), eine Gesichtsmorphologie und Gehirngröße, die schon sehr ähnlich unserer heutigen war, allerding war ihre Kopfform mehr verlängert als so kugelförmig wie bei uns heute. Man könnte das als einen auffälligen Befund ansprechen! Warum verlängert statt rund???
Jedenfalls legt er die Vermutung nahe, so schreiben die Forscher (1), daß die Gehirnform und -funktion in den nächsten 200.000 Jahren noch weiter evoluieren mußten, um all das zu erreichen, was den anatomisch modernen Menschen seit etwa 100.000 Jahren ausmacht.
In Südafrika und Äthiopien waren deutlich jüngere Vorfahren des anatomisch modernen Menschen morphologisch noch viel vielfältiger gestaltet als jene genannten in Nordafrika, was manche Forscher bis heute dazu veranlaßte, sie sogar als anderen Vormenschen-Arten zugehörig anzusprechen. Beispielsweise gab es dort deutlich robustere, längere Gesichtsformen kombiniert mit runder, moderner Schädelform. Alle Merkmale des anatomisch modernen Menschen waren somit erst ab etwa 100.000 Jahren vor heute in Afrika versammelt.
Vielleicht hat also, so darf vermutet werden, schon vor 300.000 Jahren eine "avantgardistische" Menschengruppe vor allem in Nordafrika (?) schon vergleichsweise früh eine sehr modern-menschliche Art des Lebens angenommen, auch gehirnmäßig, hatte sich aber als solche evolutionär noch nicht so stabilisiert, so daß der evolutionäre Übergang dorthin dann doch noch einmal weitere 200.000 Jahre brauchte, um sich zu "stabilisieren" gegenüber Tendenzen archaischerer menschlicher Lebensformen.
Solche Zeitverzögerungen beim Durchsetzen moderner Lebensformen beobachtet man ja in der Evolution sehr häufig (Dinosaurier behielten noch lange die Vorherrschaft, als es Säugetiere schon längst gab usw.). Ebenso beobachtet man sie in der Kulturgeschichte der Menschheit sehr häufig: Die aufgeklärte Lebensform des antik-griechischen Menschen erlebte einen gewaltigen Rückschlag mit der Ausbreitung des bigott-christlichen Mittelalters und hat noch heute Mühe, sich gegen solche archaischeren Formen der Gestaltung der Gesellschaft und Kultur durchzusetzen.
So war es also womöglich auch schon vor 300.000 Jahren in Afrika. Und das würde sehr gut passen zur "Runaway Selction"-Evolution konkurrierender Gruppen, die der geniale Evolutionsbiologe Richard D. Alexander (geb. 1930) schon 1989 vorgeschlagen hatte, um Die Evolution der menschlichen Psyche zu erklären (2).
Original: "Extant human crania are characterized by a combination of features that distinguish us from our fossil relatives and ancestors, such as a small and gracile face, a chin, and a globular braincase. However, these typical modern human features emerge in a mosaic-like fashion within the H. sapiens clade. The oldest currently recognized members of the H. sapiens clade, from Jebel Irhoud in North Africa, have a facial morphology very similar to extant H. sapiens, as well as endocranial volumes that fall within the contemporary range of variation. However, their braincase shapes are elongated rather than globular, suggesting that distinctive features of brain shape, and possibly brain function, evolved within H. sapiens. Other early H. sapiens fossils from Florisbad in South Africa (~260 ka), Omo Kibish (~195 ka) and Herto (~160 ka), both in Ethiopia, are morphologically diverse. This diversity has led some researchers to propose that fossils such as Jebel Irhoud and Florisbad actually represent a more primitive species called ‘ H. helmei ’ , using the binomen given to the Florisbad partial cranium in 1935. In a similar vein, the fossil crania from Herto, which combine a relatively globular braincase with a robust occipital and large face, were described as the subspecies H. sapiens idaltu because they fall outside the variation of recent humans. However, we view H. sapiens as an evolving lineage with deep African roots, and therefore prefer to recognize such fossils as part of the diversity shown by early members of the H. sapiens clade. The full suite of cranial features characterizing contemporary humans does not appear until fairly recently, between about ~100 – 40 ka."
1. Did Our Species Evolve in Subdivided Populations across Africa, and Why Does It Matter?. Trends in Ecology & Evolution, 2018, Available from: https://www.researchgate.net/publication/326408394_Did_Our_Species_Evolve_in_Subdivided_Populations_across_Africa_and_Why_Does_It_Matter [accessed Jul 20 2018].
2. Alexander, Richard D.: The evolution of the human psyche. In The Human Revolution, C. Stringer and P. Mellars (eds), Univ. of Edinburgh Press 1989, pp. 455-513. http://rdalexander.qwriting.qc.cuny.edu/files/2018/05/Alexander89.pdf
https://www.researchgate.net/publication/326408394_Did_Our_Species_Evolve_in_Subdivided_Populations_across_Africa_and_Why_Does_It_Matter
Donnerstag, 19. Juli 2018
1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nachOst-Skandinavien ein
Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe
Schon um 1.900 v. Ztr. haben sich Menschen mit der Genetik sibirischer Jäger/Sammler aus dem Ural bis nach Karelien, in die Kola-Halbinsel (also die Gegend von Murmansk) und in das heutige Finnland ausgebreitet.
| Abb. 1: Das Verbreitungsgebiet der uralischen Sprachen (Grafik von Maximilian Dörrbecker [Chumwa]) (Wiki) |
In einer Preprint-Studie vom März dieses Jahres (1) wurde die DNA von sechs Skeletten aus der Gegend von Murmansk aus der Zeit um 1.500 v. Ztr. untersucht, zusammen mit der DNA von sieben Skeletten aus Westfinnland aus der Zeit 400 bis 800 n. Ztr.. Obwohl letztere Gruppe also 2.000 Jahre jünger war, unterschied sie sich von der ersteren Gruppe genetisch kaum! Beide sind genetisch deutlich sibirischer Herkunft.
Die Forscher, unter denen sich der Begründer der AncientDNA-Forschung, der schwedische Finne Svaante Pääbo befindet, schreiben (1):
"Our results suggest that a new genetic component with strong Siberian affinity first arrived in Europe around 4,000 years ago, as observed in our oldest analysed individuals from northern Russia, and that the gene pool of modern north-eastern Europeans in general, and speakers of Uralic languages in particular, is the result of multiple admixture events between Eastern and Western sources since that first appearance."
Daß diese sibirische genetische Komponente in Karelien nicht einheimisch sein kann, wird folgendermaße ausgeführt (1):
"The component is absent in the Karelian hunter-gatherers (EHG) dated to 8,300-7,200 yBP as well as Mesolithic and Neolithic populations from the Baltics from 8,300 yBP and 7,100-5,000 yBP respectively ."
Also bislang hat man Menschen sibirischer genetischer Herkunft in Ostskandinavien in der Zeit vor 3.000 v. Ztr. noch nicht gefunden. Das heißt, Menschen mit dieser Genetik dürften in diese Region erst zwischen 3.000 und 1.500 v. Ztr. zugewandert sein. Das läßt sich mit archäologischen Erkenntnissen in Deckung bringen (1):
"Such contact is well documented in archaeology, with the introduction of asbestos-mixed Lovozero ceramics during the second millenium BC, and the spread of even-based arrowheads in Lapland from 1,900 BCE. Additionally, the nearest counterparts of Vardøy ceramics, appearing in the area around 1,600-1,300 BCE, can be found on the Taymyr peninsula, much further to the east."
Wohlgemerkt: Die Taimyr-Halbinsel befindet sich mindestens 5000 Kilometer weiter im Osten! Weiter (1):
"Finally, the Imiyakhtakhskaya culture from Yakutia spread to the Kola Peninsula during the same period."
Und wohlgemerkt: Die Kola-Halbinsel (also die Murmansk-Region) ist von dem hier erwähnten sibirischen Jakutien 9.000 Kilometer entfernt. So weit also scheinen die damaligen sibirischen Stämme nach Westen gewandert zu sein und uralische Sprachen mitgebracht zu haben. Mit den Hunnen wanderte in der Völkerwanderung ab 375 v. Ztr. übrigens ein uralsprachiges Volk nach Ungarn, das die ungarische Sprache bestimmte, weshalb es diesen Ausreißer der uralischen Sprachen bis heute in Ungarn gibt (1).
Im allgemeinen scheinen sich die genetischen und archäologischen Erkenntnisse mit denen der Sprachforschung zu decken (2) (auch wenn das die Forscher in der Studie noch anders wahrzunehmen scheinen). Für die Trennung der einzelnen Sprachgruppen ist nach Wikipedia tatsächlich ein Zeitpunkt um 2.000 v. Ztr. im Gespräch. Wie auch immer (2):
"As shown in our analyses, the admixture patterns found in historic and modern Uralic speakers are complex and in fact inconsistent with a single admixture event. Therefore, even if the Siberian genetic component partly spread alongside Uralic languages, it likely presented only an addition to populations carrying this component from earlier."
Auch wird ausgeführt, daß das genetische und sprachliche Verbreitungsgebiet der uralischen Völker (auch abgesehen von den Ungarn) früher deutlich weiter nach Süden reichte. Die DNA wurde in Ancient-DNA-Laboren in Tübingen und Mainz sequenziert.
Wenn davon ausgegangen wird, daß der germanische Gott Odin/Wotan fremder, östlicher Herkunft ist, könnte er also sowohl aus den ugrischen Völkern stammen wie aus den Turkvölkern.
____________________________________________
- Thiseas Christos Lamnidis et. al. (u.a. Svante Pääbo, Wolfgang Haak, Johannes Krause, Stephan Schiffels): Ancient Fennoscandian genomes reveal origin and spread of Siberian ancestry in Europe. 22.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/22/285437
- https://de.wikipedia.org/wiki/Uralische_Sprachen
Mittwoch, 18. Juli 2018
Weihgaben für die Sonnen-Gottheit
Weihgaben für die Sonnen-Gottheit
Abgelegt in der freien Natur mit Blick zum Sonnenaufgang bei der Wintersonnenwende
Sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände wurden in der Frühen Bronzezeit in Schottland an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt. Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende.
Die Beobachtung von Sonnenauf- und -untergang an markanten Punkten in der Landschaft spielt ja auch eine zentrale Rolle bei der Himmelsscheibe von Nebra (2). Der Schwerpunkt scheint auf der Wintersonnenwende gelegen zu haben.
In einer früheren archäologischen Studie war schon dargelegt worden, daß diese Bronzegegenstände immer an hervorgehobenen Punkten der Landschaft niedergelegt worden waren, an landschaftlich schönen Punkten, auch in Grenzbereichen von Landschaften (etwa am Übergang von Ackerland zu Weideland) (3).
Wenn es solche Sitten von Sachsen-Anhalt bis hinauf nach Schottland gegeben hat in der Frühen Bronzezeit, dann wird deutlich, von welcher Sehnsucht nach der Sonne die Menschen dieser Zeit beseelt gewesen sein müssen, welche Verehrung sie ihr zugedacht haben müssen. Und in diese Verehrung reiht sich natürlich der "Sonnenwagen von Trundholm" (4) hervorragend ein.
_________________________________________
1. The Placing of Early Bronze Age Metalwork Deposits: New Evidence from Scotland. By Richard Bradley, Chris Green, Aaron Watson. First published: 01 February 2018, Oxford Journal of Archaeology, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ojoa.12135?campaign=woletoc&
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra
3. Bading, Ingo: Menschen aus der Bronzezeit hatten ein Auge für die Landschaft. 13.2.2018, https://plus.google.com/+IngoBading/posts/LzyU4J9NFgR
4. https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwagen_von_Trundholm
5. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b4/Fragonard_aurore.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra
Abgelegt in der freien Natur mit Blick zum Sonnenaufgang bei der Wintersonnenwende
Sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände wurden in der Frühen Bronzezeit in Schottland an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt. Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende.
Die Beobachtung von Sonnenauf- und -untergang an markanten Punkten in der Landschaft spielt ja auch eine zentrale Rolle bei der Himmelsscheibe von Nebra (2). Der Schwerpunkt scheint auf der Wintersonnenwende gelegen zu haben.
In einer früheren archäologischen Studie war schon dargelegt worden, daß diese Bronzegegenstände immer an hervorgehobenen Punkten der Landschaft niedergelegt worden waren, an landschaftlich schönen Punkten, auch in Grenzbereichen von Landschaften (etwa am Übergang von Ackerland zu Weideland) (3).
Wenn es solche Sitten von Sachsen-Anhalt bis hinauf nach Schottland gegeben hat in der Frühen Bronzezeit, dann wird deutlich, von welcher Sehnsucht nach der Sonne die Menschen dieser Zeit beseelt gewesen sein müssen, welche Verehrung sie ihr zugedacht haben müssen. Und in diese Verehrung reiht sich natürlich der "Sonnenwagen von Trundholm" (4) hervorragend ein.
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1. The Placing of Early Bronze Age Metalwork Deposits: New Evidence from Scotland. By Richard Bradley, Chris Green, Aaron Watson. First published: 01 February 2018, Oxford Journal of Archaeology, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ojoa.12135?campaign=woletoc&
2. https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra
3. Bading, Ingo: Menschen aus der Bronzezeit hatten ein Auge für die Landschaft. 13.2.2018, https://plus.google.com/+IngoBading/posts/LzyU4J9NFgR
4. https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwagen_von_Trundholm
5. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b4/Fragonard_aurore.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra
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