Donnerstag, 9. November 2017

Mittelneolithische Kulturen in Deutschland genetisch zu 17 % einheimisch

Mittelneolithische Kulturen in Deutschland genetisch zu 17 % einheimisch

Eine spannende neue ancient-DNA-Studie ist heute erschienen. Ich darf grade das zusammenfassen, was ich aus dieser heraus lese (der Link zu ihr findet sich im Artikel und ist frei zugänglich):

1.

Bei der Ethnogenese der Bandkeramik am Plattensee (hier Transdanubien, sprich Westungarn) um 5.500 v. Ztr. gab es einen Anteil einheimischer Jäger-Sammler-Gene von wahnsinnig geringen 4 bis 5 %!!

2.

Eindeutig mittelneolithische DNA aus Deutschland hat diese Studie bislang nur von 7 Individuen auswerten können (Zeitstellung 4.600-3000 v. Ztr.). Hier ist der Anteil der einheimischen Jäger-Sammler-Gene (die den DNA eines Jäger-Sammler-Individuums aus Luxemburg ähneln, also westeuropäisch sind) beträchtlich höher: 17 %!!! Und das dürfte das wesentlichste Ergebnis der Studie für die deutsche Archäologie sein. Die sieben Individuen wurden bei Esperstedt, Halberstadt, Quedlinburg und Salzmünde gefunden. Das dürfte dann Rössener und Baalberger Kultur sein, wenn ich recht sehe und es wird sich damit um genetische Vorfahren der Trichterbecherkultur handeln. Man wird aber bezüglich dieser 17 % bei sieben Individuen gerne noch auf eine größere räumliche und zeitliche Auflösung gespannt sein.

3.

Spannend ein weiteres mal die Blätterhöhle in Westfalen, weil hier in einem Rückzugsraum um 4.000 v. Ztr. sich noch eine eindeutige Mischbevölkerung gehalten hat, in der der Anteil der Jäger-Sammler-Gene noch bis zu 70 % hoch sein kann, in der aber auch der Anteil der Bauern-Gene schon mindestens 25 % beträgt.

4.

David Reich sagt in seinem jüngsten Youtube-Vortrag, daß sie schon massenhaft in den Laboren weitere ancient-DNA-Daten weltweit gesammelt haben, aber mit der Auswertung gerade gar nicht nachkommen! Hier ist offenbar viel zu tun für Nachwuchswissenschaftler auf einem wahnsinnig spannenden und bedeutenden Forschungsgebiet, nämlich der definitiven Erkenntnis vom Werden, Vergehen und Weiterleben der Völker!

1. http://science.orf.at/stories/2876854/
2. Parallel palaeogenomic transects reveal complex genetic history of early European farmers. In: Nature, 2017
http://science.orf.at/stories/2876854/

Mittwoch, 8. November 2017

Ancient DNA - Vortrag von Johannes Krause (Jena)

Ancient DNA - Vortrag von Johannes Krause (Jena)

Hier fasst Johannes Krause noch einmal sehr kurz und eindringlich die definitive Antwort auf die Frage zusammen, wie die heutigen europäischen Völker - im wesentlichen bis zum Beginn der Bronzezeit - entstanden sind laut der Ergebnisse der ancient-DNA-Forschung der letzten fünf Jahre.

Eine Frage, die die Archäologen 100 Jahre lang vor große Rätsel stellte, und die im Wesentlichen in den wenigen fünf Jahren geklärt wurden, die wir gerade erlebt haben.

Zwei bedeutende weiße Flecken auf der Landkarte unseres Wissens gibt es noch:

1. Wie entstanden jene Keramikkulturen in Kleinasien, die die Landwirtschaft nach Europ brachten? Genetisch unterscheiden sie sich ja - laut - Hauptkomponentenanalyse von den heutigen Türken ebenso deutlich wie von den vorkeramischen Kulturen des Fruchtbaren Halbmonds. Es deutet also alles darauf hin, daß sie entstanden sind als eine Mischung zwischen europäischen und vorderorientalischen Völkern, daß mit ihnen also womöglich "europäische" Gene "zurück" nach Europa kamen. Die nächsten heutigen genetischen Verwandten dieser Bauern sind ja dementsprechend auch die Einwohner Sardiniens, also Europäer.

2. Die Indogermanen entstanden offenbar aus einer Vermischung nordeuropäischer Jäger/Sammler mit Kaukasus-Kulturen.
https://youtu.be/V_XOqpixIeU

Suche nach neuem Paradigma - Für die Erforschung der Menschheitsgeschichte

Suche nach neuem Paradigma - Für die Erforschung der Menschheitsgeschichte

Die interdisziplinäre Erforschung der Menschheitsgeschichte läuft immer deutlicher auf jene Zusammenhänge hinaus, die ich auf meinen Blogs seit Jahren betone: Daß die Evolution des Menschen, seiner Kulturen, seines Altruismus und seiner Innovationsfähigkeit immer in VÖLKERN stattgefunden hat. Das wird so ausgesprochen natürlich von den Wissenschaftlern selten gesagt und betont, oft noch nicht einmal gedacht, denn es könnte ja nur hinderlich sein bei der Beantragung von Forschungsgeldern. Die von ihnen gefundenen Daten weisen nur alle - alle - darauf hin!

Nun ist im September 2017 am "Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte" in Jena eine neue internationale wissenschaftliche Gesellschaft gegründet worden, die "Cultural Evolution Society" (CES), zu deutsch die "Gesellschaft für Kulturevolution" (1). Das war zunächst ja nur ein abstrakter Name, der nicht viel bedeuten braucht.

Schaut man sich aber das Programm der Gründungs-Konferenz an (2), wird schnell deutlich, daß es sich um eine brisante Gesellschaft handelt und daß man das überwältigende internationale Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft womöglich sogar als ein deutliches Signal empfinden kann. Und ebenso vor allem auch die Frage nach einem neuen, umfassenden Forschungsparadigma. Behandelt wurden viele jener Themen, die mir auch im Rahmen meines eigenen Dissertationsprojektes (das seit 1996 läuft!) wichtig geworden sind. Themen waren zum Beispiel:

- Kulturelle Evolution und Wirtschaft
- Gene und Kultur (!)
- Historische Dynamiken
- Institutionen und das Anwachsen der politischen Komplexität
- die Entstehung der Landwirtschaft
- ethnische Marker und Grenzen (!)
- kulturelle Makroevolution
- Religion und Altruismus

Womöglich löst diese neue wissenschaftliche Gesellschaft die Brisanz der bisherigen traditionellen Soziobiologie ab (die sich in der HBES vereinigt hatte). Leider scheint es von den Tagungsbeiträgen keine Kurzzusammenfassungen (Abstracts) zu geben. Auf diese, bzw. die Tagungsbände darf man gespannt sein.
_____________________________________

1. http://www.shh.mpg.de/621407/ces-conference
2. https://www.shh.mpg.de/357406/cesc2017-programme, bzw. https://www.shh.mpg.de/616544/final-program_7sep17.pdf
http://www.shh.mpg.de/621407/ces-conference

Sonntag, 5. November 2017

Alison Balsom in Nürnberg 2017

Alison Balsom in Nürnberg 2017

Ein einmaliges Konzert von und mit Alison Balsom. Eine Feierstunde mit vielen Höhenpunkten. Ganz eigentümlich die Zusammenstellung der Musik, ganz eigentümlich das Programm.
https://www.youtube.com/watch?v=-ROhTvgG0Ak&feature=share

Samstag, 4. November 2017

Geschichte Mitteldeutschlands Gustav Adolf II Der Kampf um Magdeburg


König Gustav Adolf von Schweden - Der Löwe aus dem Norden

Eine sehr sehenswerte Dokumentation über die vielleicht entscheidendste Phase des Dreißigjährigen Krieges. Wohl durchaus passend im Lutherjahr 2017: Die Belagerung von Magdeburg und das entsetzliche Massaker, in dem 20.000 seiner Einwohner ermordet werden im Mai 1931, der Jubel des Papstes über dieses Massaker, über die "Ausrottung" des "Ketzernestes", die tiefe Niedergeschlagenheit der Protestanten Deutschlands und der Welt nach diesem Ereignis. - - - Und dann die Wende: Gustav Adolf II. von Schweden siegt in der Schlacht von Breitenfeld gegen das katholische Würgerheer, das ganz Deutschland wieder katholisch gemacht hätte, wenn Gustav Adolf nicht eingegriffen hätte. In verschiedenen Varianten zu recht überliefert ist deshalb der Spruch, der auf dem Gedenkstein noch heute auf dem Schlachtfeld von Breitenfeld bei Leipzig steht:

„Glaubensfreiheit für die Welt,
rettete bei Breitenfeld,
Gustav Adolf, Christ und Held.“

All diese Geschehnisse sind noch heute sehr bewegend.

Gustav Adolf scheint als Mensch für seine Zeiten ungewöhnlich human gewesen zu sein. Während die Soldaten unter den Feldherren vor und nach ihm plünderten, raubten, vergewaltigten, mordeten, wo sie nur konnten, hat Gustav Adolf sehr sorgsam auf Zucht und Ordnung in seinem Heer gesorgt. Das zeigen viele seiner Anweisungen (2). Sehr sorgsam und verantwortungsbewußt ging er als Militär vor. Das sieht man schon an seiner außerordentlich umsichtigen Vorbereitung des Havellandes zwischen den Festungen Rathenow, Spandau, Potsdam und Brandenburg, in das er sich zur Not zurück ziehen wollte, falls die voraussehbare Entscheidungsschlacht gegen die Kaiserlichen weiter südlich zu seinen Ungunsten ausgehen würde (2).

Aus dieser umsichtigen Vorbereitung hat sich zum Beispiel auch die erste gründliche topographische Karte des Havellandes erhalten, die der Kartograph des Königs aus diesem Anlaß angefertigt hat. Sogar die Wasserstände der Havel wurden sehr sorgsam eingetragen, um zu wissen, an welcher Stelle der Feind Furten zum Übergang durch den Fluß nutzen könnte. Wie es scheint, war Gustav Adolf in vielem seiner Zeit voraus (2).

Und soweit ich das übersehen kann, hat kein Feldherr sonst des Dreißigjährigen Krieges so umsichtig gehandelt, war auch um die kranken Soldaten seines Heeres besorgt, war darum besorgt, daß sie ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt waren, ohne daß die Bürger und Bauern, die die Nahrung liefern mußten, unnötig und über Gebühr dadurch belastet wurden. So alles wörtlich seinen Anweisungen zu entnehmen.

Auch scheint er sich bewußt gewesen zu sein, wie viel von dem militärischen Erfolg seines Unternehmens abhing. Er war kein leichtfertiger Draufgänger.

1. Voelker, Judith: Gustav Adolf II. - Der Kampf um Magdeburg. Reihe "Geschichte Mitteldeutschlands". MDR-Geschichte, 2014
2. Schröer, Fritz: Das Havelland im Dreißigjährigen Krieg. Ein Beitrag zur Geschichte der Mark Brandenburg, neu ergänzt und herausgegeben von Gerd Heinrich. Böhlau-Verlag, Köln, Graz 1966 (325 S.)
3. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/11/das-westhavelland-im-dreiigjahrigen.html
https://www.youtube.com/watch?v=yQkWqmFApqI&feature=share

Mittwoch, 1. November 2017

Ackerbau - Er entwickelte sich bei Ameisen und Menschen in trockenen Habitaten zuerst

Ackerbau - Er entwickelte sich bei Ameisen und Menschen in trockenen Habitaten zuerst

Unsere Landwirtschafts-Kollegen, die Ameisen. Auf die Idee des Ackerbaus mit domestizierten Pflanzen sind sie schon lange, lange vor uns gekommen, zu einem Zeitpunkt, als noch sehr, sehr lange von uns nicht die Rede sein konnte, nämlich vor 30 Millionen Jahren (1). Eine Geschichte der menschlichen Landwirtschaft aus Perspektive der Ameisen-Landwirte wäre eine Geschichte über "Spätlinge" (2) ....

Wie war es aber bei den Ameisen? Zunächst - seit 60 bis 55 Millionen Jahren - gab es nur eine lose Abhängigkeit zwischen bestimmten Pflanzen und ihren Ameisen-"Kultivierern". Das heißt, die jeweiligen Pflanzen konnten auch unabhängig von ihren "Landwirten" fortexistieren (1, 2). Die echte Domestizierung fand dann erst vor 30 Millionen Jahren statt, wohl dadurch, daß die Pflanzen-anbauenden Ameisen auch in trockeneren Habitaten überlebten, wo die jeweils angebauten Pflanzen für sich gar nicht hätten überleben können. So die Erkenntnis einer neuen Studie (1). Indem die Ameisen die von ihnen angebauten Pflanzen so isolierten, unterwarfen sie diese Pflanzen neuen Selektionsdrücken, die sie von ihren wilden Verwandten fortpflanzungsmäßig trennten.

Vielleicht ist es nur eine zufällige Parallele: Aber so wie beim Menschen entstand also auch bei den Ameisen der Ackerbau nicht im feuchten Regenwald, wo die anfängliche lose Abhängigkeit evoluiert war, sondern in den trockeneren Habitaten.

Auch der "Fruchtbare Halbmond", der die Oberläufe von Euphrat und Tigris mit einschließt und den Levanteraum, wo die europäischen Getreidearten vor zehn- bis zwölftausend Jahren von den dortigen Menschenvölkern domestiziert worden sind, stellte ein trockenes Habitat dar. In vielen menschlichen Völkern, die niemals zum Ackerbau übergegangen sind, galt wildes Getreide als Hungerpflanze. Sie wurde nur in äußersten Notzeiten geerntet, wenn nichts anderes mehr zu finden war.

Und mit dem Ackerbau kam der Übergang von der muse- zur arbeitsintensiven Lebensweise beim Menschen. Wir Menschen wurden - oft - "Ameisen" ....

__________________________________________
1. Branstetter, M., Ješovnik, A., Sosa-Calvo, J., Lloyd, M., Faircloth, B., Brady, S., & Schultz, T. (2017). Dry habitats were crucibles of domestication in the evolution of agriculture in ants Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 284 (1852) DOI: 10.1098/rspb.2017.0095, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1852/20170095?cpetoc
2. http://inspiringscience.net/2017/04/20/the-origins-of-ant-agriculture/

http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1852/20170095?cpetoc

Domestikation - Auch bei Hunden brachte sie eine Verarmung der Verhaltensdifferenzierung mit sich

Domestikation - Auch bei Hunden brachte sie eine Verarmung der Verhaltensdifferenzierung mit sich

Wer hätte das gedacht? Das bestätigt wieder einmal Konrad Lorenz und seine These, daß Domestikation von Tieren mit Verlusten an differenziertem Verhalten verbunden sein kann, nun sogar bei Hunden im Vergleich zu Wölfen. 80% der domestizierten Hunde weltweit leben ohne Beschränkungen, quasi wild (1). Das kann man ja gut zum Beispiel in der Türkei beobachten. Über sie heißt es in einer neuen Studie, die in der Heimatstadt von Konrad Lorenz, am wissenschaftlichen Zentrum für Wölfe in Wien gemacht wurde (1):

"Studies of free-ranging dogs [which form 80% of the world-dog population] show that, although group hunting can occur, foraging is mostly carried out solitarily on human refuse and that there is little allomaternal care of pups. Indeed cooperation in free-living dogs appears to be largely limited to territorial defense."

Also Hunde haben eine ganze Menge ihres Wolfsverhaltens verloren und scheinbar auch über viele Generationen hinweg nicht zurück gewonnen. In einem Versuchsaufbau, in dem schon viele intelligente, kooperative Tierarten meist erfolgreich getestet wurden wie Schimpansen, Makaken, Elefanten, Papageien, Krähen und Raben, waren Wölfe nun größtenteils erfolgreich, Hunde aber nicht. Die Aufgabe war, gemeinsam gleichzeitig an zwei Seilenden zu ziehen, um eine Freßbelohnung zu erhalten. Hunde können das nicht, Wölfe sehr wohl. Abschließend heißt es in der Studie (1):

"Dogs appear to exhibit different behavioral strategies than wolves when interacting with conspecifics: showing fewer formal signals of dominance but higher intensity of aggression, a more persistent use of avoidance and distance maintenance in managing conflicts in the feeding context, and a reduced inclination to coordinate actions in a cooperative task (present results)."

Hunde haben es also verlernt, ihr Leben untereinander reibungsloser zu koordinieren. Dominanz und Unterordnung sind verlernt, dafür ist allgemeine Aggression größer und sie halten auch mehr auf räumlichen Abstand, um Konflikte untereinander bei der Fütterung zu vermeiden.

1. Importance of a species’ socioecology: Wolves outperform dogs in a conspecific cooperation task. Sarah Marshall-Pescinia; Jonas F. L. Schwarza, Inga Kostelnika, Zsófia Virányia, and Friederike Range; Published online before print October 16, 2017, doi: 10.1073/pnas.1709027114, PNAS October 31, 2017 vol. 114 no. 44 11793-11798, http://www.pnas.org/content/114/44/11793.abstract.htm
http://www.pnas.org/content/114/44/11793.abstract.htm